Wahrnehmungsproblem des Westens? 19.01.2007

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"Kleine Zeitung" vom 19.10.2007                           Seite: 44

Ressort: BRIEFE Steiermark

DIE THESE

Wahrnehmungsproblem des Westens?

DEBATTE
Allgemeine Bürgerrechte müssen für Muslime gleichermaßen gelten - und zwar ohne Wenn und Aber.


OMAR AL-RAWI

über Religionsfreiheit und die Situation der Muslime

In Dubai beschrieb die Frau eines Diplomaten, die von Tokio berufsbedingt ihren Wohnort wechselte, den Unterschied so: Es hat sich nicht viel geändert. In beiden Städten ist es heiß und schwül. Die Sprache ist schwer, und die Frauen haben nicht viel zu melden. Leider hat die Gleichstellung der Geschlechter einen langen Weg vor sich. Selten habe ich jedoch erlebt, dass man beim Treffen mit Japanern diesen Zustand ansprach.
Anders mit den Muslimen. Kaum eine Aussage, die nicht damit schließt, dass sich die Muslime an den Rechtsstaat, die Demokratie und Menschenrechte zu halten haben. Dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau zu akzeptieren sei und die weibliche Genitalverstümmelung, Zwangsheirat und Ehrenmorden abgeschworen werden muss.
Ist das nicht selbstverständlich, dass all diese Forderungen einzuhalten sind? Leben wir nicht in einem säkularen Rechtsstaat, wo alle Bürgerinnen und Bürger gleich vor dem Gesetzt stehen? Warum muss man diese gebetsmühlenartig vorgetragene Litanei ständig wiederholen? So suggeriert man doch, dass der Islam und die Muslime diese Werte nicht kennen und akzeptieren. Durch ständiges Wiederholen nisten sich doch Klischees, Vorurteile und Ressentiments den Muslimen gegenüber ein.
Es ist legitim, erfahren zu wollen, wie man zu alldem stehe. Enttäuschend für uns ist, dass unsere Einstellungen nicht wahrgenommen werden. Imame-Konferenzen haben dazu klar und deutlich Stellung bezogen. Dabei stand das Bekenntnis zu Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Menschenrechten Pluralismus und Integration im Zentrum.
Eine deutliche Absage an Terror und Gewalt, Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit erfolgte unmissverständlich. Auch Genitalverstümmelung bei Frauen, Zwangsehe, Ehrenmorde und familiäre Gewalt wurde klar verurteilt und als unislamisch bezeichnet. Die allgemeinen Bürgerrechte wie Religionsfreiheit, Gleichheitsgrundsatz und die Europäische Menschenrechtskonvention müssen für uns gleichermaßen ohne Wenn und Aber gelten.
Murad Hofmann ordnet die Kopftuchfrage als ein Politikum ein, weniger als Rechtsfrage. Es ginge darum, ob das alte Europa eine neue Religion und das Anderssein ihrer Anhänger zu tolerieren bereit sei oder den Islam aus dem Bekenntnis zu religiöser Toleranz ausklammern möchte. Niemand, auch kein Gericht - und schon gar keine Behörde - sollte sich anmaßen, für eine Muslima zu entscheiden, ob sie ihr Kopftuch tragen muss; eine solche Entscheidung wäre bereits eine Verletzung des Grundrechtes auf Religionsfreiheit.
Die Religion einer Einzelperson wäre auch dann zu respektieren, wenn es ihre Privatreligion wäre.

Omar Al-Rawi ist Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft

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