Drehscheibe Wien? Gastkommentar im Kurier zur Terror 28.01.2004

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GASTKOMMENTAR

Drehscheibe Wien?

Omar Al-Rawi über Terror und funktionierendes, friedliches Miteinander 
Als die Amerikaner ihren Krieg gegen den Irak begannen, ging eine Meldung in der Flut der Nachrichten unter. Die Bombardierung von angeblichen Al-Kaida-Stellungen im Norden des Iraks. Zum ersten Mal hörten wir von einer Gruppe namens „Ansar el Islam“. Kurz darauf lieferten uns die Satellitensender die Bilder von einem zerstörten Dorf und Interviews mit Betroffenen, die berichteten, dass auch kurdische Einheiten an dem Angriff beteiligt gewesen waren. Seitdem mehren sich die Spekulationen, ob es sich dabei nicht um interne Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden kurdischen Gruppen gehandelt habe, die sich rechtzeitig Machtpfründe in Post-Saddams Irak sichern wollten. Haben die USA ihren kurdischen Alliierten dafür Luftunterstützung geliefert? Fest steht jedenfalls, dass es sich bei dieser Gruppe um eine kurdisch-islamische Formierung handelt, deren Anhänger mittlerweile im Irak verstreut sind. Dass sie die Amerikaner nach dem Luftangriff nicht als Befreier empfunden haben, ist nachvollziehbar, dass Österreich zu ihrer neuen Drehscheibe wurde, ist allerdings mehr als nur unwahrscheinlich. 
In Österreich gibt es Muslime aller Nationalitäten. Dementsprechend sind auch türkische, bosnische, arabische, albanische, mazedonische, iranische, pakistanische Moscheen zu finden, aber bezeichnenderweise keine einzige kurdische. Dies liegt daran, dass sich die kurdischen Vereine und Parteien meist auf politische und soziale Aufgaben konzentrieren und die kurdischen Muslime in den anderen Moscheen integriert sind – türkische, arabische und iranische. 
Österreich hat den Islam als erstes europäisches Land 1979 offiziell anerkannt. Seitdem gibt es islamischen Religionsunterricht in den Schulen, Schächten und das Tragen von Kopftüchern geben keinen wirklichen Anlass zu gröberen Debatten, die religiöse Praxis ist rechtlich gut abgesichert. Die Muslime sind in der Gesellschaft größtenteils integriert und nicht ausgegrenzt. Dementsprechend werden sie zu wichtigen Themen (z. B. Österreich-Konvent, Tierschutzgesetz) angehört und partizipieren auf politischer, kultureller und wirtschaftlicher Ebene. All dies sind keine Voraussetzungen, um einen Nährboden für Extremismus gedeihen zu lassen. Auf dieser Grundlage soll man nun Rekrutierungen für Attentäter durchführen wollen? Nur wenigen dürfte bekannt sein, dass in Wien nach dem 11. September wiederholt Treffen zwischen Vertretern der Islamischen Gemeinde und der US-Botschaft stattgefunden haben. Ein sehr kritischer, aber durchaus korrekter Dialog – der in Europa und vielleicht weltweit wahrscheinlich einzigartig blieb – war das Ergebnis. 
Bei vielen Meldungen der vergangenen Zeit kann man darüber diskutieren, ob es sich bloß um Terrorhysterie – die von manchen Medien bereitwillig getragen wird – oder um den Ausdruck begründeter Vorsicht handelt. Man sollte aber jedenfalls in Hinblick auf die vorbildliche Situation in Österreich Bedacht darauf nehmen, dass ein beispielhaft funktionierendes, friedliches und auf gegenseitigem Respekt basierendes Miteinander von Muslimen und Nichtmuslimen durch unbegründete Angstmache gefährdet werden könnte. 

DIPL.ING. OMAR AL-RAWI ist Abg. zum Wiener Landtag und Mitbegründer der Initiative muslimischer Österreicher. 
Kurier | 28.01.2004 | Seite 7

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