Wir verstehen unter Integration Partizipation

User Rating: 0 / 5

Star InactiveStar InactiveStar InactiveStar InactiveStar Inactive
 
 

"Kurier" vom 31.07.2005

Ressort: Innenpolitik

Seite: 7

Ausgabe: Wi,Abend,Wi,Morgen

<> 

INTERVIEW

"Wir verstehen unter Integration Partizipation"

Mit 17 kam Omar Al-Rawi, geboren in Bagdad, nach Wien. Heute "übersetzt" der 44-jährige Diplomingenieur, Betriebsrat, SPÖ-Landtagsabgeordnete, Gemeinderat und seit 1999 Integrationsbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft Koran-Verse zur Präzisierung in typisch wienerische Redewendungen.
Als Integrationsbeauftragter ist er häufig in den Medien. Nach seinem ZiB-2-Auftritt, in dem er von vier Moscheen berichtete, in denen radikale Ansichten vertreten werden, war er von den Reaktionen "menschlich enttäuscht", weil er das Gegenteil dessen erreichte, was er wollte: "Tags darauf hatten alle möglichen Medien nichts anderes im Sinn, als die Adressen dieser Moscheen zu erhalten. Und in den Leserforen wurde mit rassistischem und fremdenfeindlichem Vokabular gearbeitet." Auch Al-Rawis Familie wurde verunglimpft.
Sein Schluss aus dieser Erfahrung? "Es gibt in beiden Kulturen viele, die für Dialog und friedliches Miteinander eintreten. Aber es gibt in beiden Kulturen Menschen - sicher eine Minderheit -, die gern den Zusammenprall der Kulturen sehen wollen. Die einen spielen den anderen in die Hände."
RADIKALE TENDENZEN Al-Rawis Mitteilung über die Radikalität von Moslems in Österreich deckt sich mit den Berichten des Staatsschutzes. Al-Rawi "wollte sagen, dass vier Moscheen bei 200 zwei Prozent bedeuten. Nirgends gibt es Sicherheit zu hundert Prozent. Es gibt Rechtsradikale, Linksradikale, radikale Tierschützer. Warum sollte die moslemische Gesellschaft die Einzige sein, in der es solche Tendenzen nicht gibt?"
Für den Weg, den Österreich beim Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen geht, hat er lobende Worte: Im Gegensatz zu Frankreich, das assimiliere, und Großbritannien mit der Einstellung von ,alles ist möglich`, gebe es hier zu Lande Integration. "Unsere Definition der Integration ist Partizipation. Die Moslems sollen sich in allen Schichten der Gesellschaft einbringen: Wirtschaftlich, wissenschaftlich, kulturell, politisch und im religiösen Dialog. Es soll keine Parallelgesellschaft geben, in der jeder sein Süppchen kocht. Die Moslems sollen ein Spiegelbild der Gesellschaft sein, in österreichische Schulen gehen, die Sprache erlernen, sich an der kulturellen Vielfalt des Landes beteiligen. Einer der Mosaiksteine sein, aber es soll keine Schande sein, wenn ein Moslem kein Schweinefleisch isst, keinen Alkohol trinkt. Wir erwarten keine Assimilation im Sinne des Verlierens der Eigenart. Denn Assimilierungsdruck erzeugt Ghettobildung."
Integrationsarbeit bedeutet für Al-Rawi weit mehr Aspekte als religiöse: Jugendgruppen, Tage der offenen Tür in Moscheen - "mit orientalischen Köstlichkeiten", Polizeieinladungen in Moscheen, Aufklärung für Frauen vom Sozialen bis zur Genitalverstümmelung. Und auch die Aufklärung moslemischer Familien, beim Spitalsbesuch eines Angehörigen "nicht gleichzeitig 60 Leute im Zimmer zu haben".
Das Erfolgsrezept für friedliches Miteinander: "Wenn ich jemanden beteilige, nehme ich ihn automatisch in die Pflicht. Wenn Menschen merken, dass sie Rechte haben, wissen sie, dass damit Pflichten verbunden sind. Wenn man Rechte hat, hat man auch etwas zu verlieren."
Terroristen und Selbstmordattentäter kann Al-Rawi nicht verstehen. Prinzipiell, aber auch, weil deren Verhalten "total falsch verstandenes Islam-Verständnis ist. Der Islam bejaht das Leben und das Recht auf Glückseligkeit in diesem Leben. Es gibt eine Regel, die lautet: Arbeite im Diesseits, als würdest du ewig leben, und bereite dich auf das Jenseits vor, als würdest du morgen sterben. An anderer Stelle heißt es: Sollte die Welt untergehen und du hast eine Pflanze in der Hand, die du pflanzen wolltest, dann pflanze sie noch."
Über die Rolle der Frauen sagt er: "Sie waren in den ersten Tagen des Islam Gelehrte, Geschäftsfrauen und aktiv und fordernd in der Politik. So lange sich die Frauen derartig in die Gesellschaft eingebracht und die Moslems ihre Religion richtig verstanden haben, war es eine Hochzivilisation."
- Livia Klingl

 
0
0
0
s2sdefault