Sebastian Kurz hat eine Chance verdient, startet aber mit einem Malus

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OMAR AL-RAWI (Die Presse)

 Integrationsstaatssekretär muss mehr können, als gut klingende Sprüche zu klopfen. Eine Replik auf den Leitartikel von Oliver Pink.
Selbstverständlich sollte jedem eine Chance gegeben werden, wie Oliver Pink in seinem „Presse“-Leitartikel vom 22.April mit Blick auf den neuen Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz fordert.
Wie würde Pink allerdings reagieren, wenn ein junger Mensch aus der Lehrredaktion der Chronik nach fünf Monaten Tätigkeit als Ressortchef der Innenpolitik präsentiert würde? Würde in einem österreichischen Konzern ein „Trainee“ nach fünf Monaten in den Vorstand kommen, würde dies nur Kopfschütteln im Aufsichtsrat und unter den Kollegen auslösen.
 
Schüren von Ressentiments
Sebastian Kurz ging es im Wiener Wahlkampf 2010 nicht um fundierte Auseinandersetzung mit den Muslimen und deren Integration in Österreich, sondern eher darum, durch das Schüren von antimuslimischen Ressentiments auf Stimmenfang im rechten Lager zu gehen. Er forderte auch einen Wertevertrag für die Muslime und bezichtigte die türkischen Imame als von der türkischen Regierung ferngesteuert. Aus diesem Grund sollten nur österreichische Imame, die in Österreich ausgebildet worden sind, in Zukunft tätig sein. Man sollte meinen: Warum nicht?
 
Keine Fakultät für Muslime
Jedoch muss man bedenken: Solange es keine theologische Fakultät für Muslime in Österreich gibt, werden sich Muslime, die sich als Imame berufen fühlen, im Ausland ausbilden lassen müssen. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, denn die Freiheit der Wissenschaft bedeute auch, dass man universitäre Ausbildungen jeglicher Art selbstverständlich auch an ausländischen Universitäten absolvieren darf.
Man sollte auch nicht vergessen, dass inzwischen zahlreiche ausländische Pfarrer in Österreich tätig sind. Niemand würde auf die Idee kommen, deren Loyalität zu Österreich oder Qualifikationen infrage zu stellen.
Versuche, die türkischstämmigen Muslime Österreichs als ferngesteuert darzustellen, sind abzulehnen. Einen „Wertevertrag“ nur für Muslime zu fordern ist zudem diskriminierend und impliziert, dass die Muslime nicht zur Verfassung stehen würden. Daher warne ich vor Forderungen, die in Richtung einer „Lex Islam“ gehen.
Ja, die Imame sollten die deutsche Sprache beherrschen, jedoch predigen sollen sie in der Sprache der Menschen dürfen. Warum soll ein mazedonischer, türkischer oder albanischstämmiger Muslim nicht seine Predigt in einer anderen Sprache hören dürfen? Schließlich wird in der polnischen und russischen Kirche auch nicht auf Deutsch gepredigt. Außerdem finden viele Messen auf Ungarisch, Kroatisch und Slowenisch statt. Ein Blick auf die Homepage der Erzdiözese Wien gibt viel Aufschluss darüber.
Schon heute wird im Islamischen Zentrum, der größten Moschee Wiens, die Predigt neben Arabisch auch auf Deutsch gehalten. Deutsch bestimmt heute schon den Alltag der Muslime, denn die verschiedenen ethnischen Gruppen der muslimischen Gemeinden in Österreich haben nur Deutsch als gemeinsame Sprache. Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich hat Deutsch als Amtssprache. All ihre Dokumente, der Schriftverkehr und die Sitzungen werden auf Deutsch gehalten. Die religionspädagogische Akademie unterrichtet auf Deutsch, und unsere 50.000 Schülerinnen und Schüler in den öffentlichen Schulen erhalten ihren Religionsunterricht auf Deutsch.
 
Fleiß, Willen und Ernsthaftigkeit
Sebastian Kurz hat eine Chance verdient. Doch startet er mit einem Malus statt mit Vorschusslorbeeren ins Integrationsstaatssekretariat. Diese so wichtige Aufgabe kann man nicht mit Populismus, Oberflächlichkeit und medienwirksamen Events bewältigen. Dazu gehört viel Fleiß, Willen und Ernsthaftigkeit.

Omar Al-Rawi (*8.5.1961 in Bagdad) ist Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Seit 2002 ist Al-Rawi Abgeordneter der SPÖ zum Wiener Landtag und Gemeinderat.

E-Mails an: 
//mce_host/M1/T21/This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it." target="_blank">This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2011)

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