Die Presse - Muslime melden sich zu Wort 26.03.2008

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"Die Presse" vom 26.03.2008                               Seite: 38

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

Muslime melden sich zu Wort

Replik auf "Keine Stimme des Bedauerns", Leserbrief, von Pfarrer Wolfgang Pucher, 22. März.

>> BRIEF DES TAGES

Pfarrer Wolfgang Pucher vermisst in einem veröffentlichten Leserbrief eine klare Verurteilung des Mordes an dem irakischen Erzbischof Paulos Faradj seitens der Muslime in Österreich. Nun ist es mir ein Anliegen, dies nicht nur als Muslim, sondern auch als einer, der aus dem Irak stammt, zu tun. Die Behauptung, dass wir uns nie zu Angriffen gegen Kirchen in der islamischen Welt geäußert haben, entspricht nicht der Wahrheit. Es dürften nicht all unsere Stellungnahmen bis zu ihm durchgedrungen sein.

Allerdings sollten wir die Situation im Irak genauer betrachten. Dort herrscht seit dem Einmarsch der US-Truppen vor fünf Jahren ein regelrechter Bürgerkrieg. Opfer sind Muslime und Christen, Araber und Kurden, Sunniten und Schiiten und andere Minderheiten. Jede Gruppe hat einen hohen Blutzoll geliefert und mit vielen Opfern bezahlt. Es vergeht kaum ein Tag, wo nicht im Schnitt 50 Menschen durch Terrorangriffe ihr Leben verlieren. Wollten wir jede dieser Taten verurteilen, müssten wir fast stündlich solche Meldungen veröffentlichen. So zu tun, als wäre die Situation im Irak eine reine Hetzjagd gegen Christen, ist eine Verkennung der Situation und der Sicherheitslage des Iraks.

Es ist auch eine Frage der Zuständigkeit der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ). Als der israelische Minister Liebermann die israelischen Araber "Fünfte Kolonne" nannte und ihren Transfer - ein Euphemismus für ethnische Säuberungen - forderte und die arabischen Knesset-Abgeordneten mit Hamas-Kontakten als Verräter hingerichtet werden sollen; oder als sich in Polen konservative Kräfte Sorgen um die Wertevermittlung des Kinder-TV machten und die Teletubbies verdächtigten, Kindern homosexuelle Verhaltensweisen nahezubringen; oder als der mittlerweile verstorbene US-evangelikaler Hassprediger Pat Robertson zur Liquidation des venezolanischen Staatspräsidenten durch US-Elitesoldaten aufrief, kam niemand auf die glorreiche Idee, die israelitische Kultusgemeinde, die katholische Kirche oder sonst eine andere kirchliche Institution Österreichs aufzufordern, diese Aussagen zu kommentieren oder sich davon zu distanzieren. Und das ist richtig und gut so. Auch als George Bush und seine Evangelikalen mit "christlichem Eifer" sich berufen fühlten, einen "Kreuzzug" zu führen, nahmen wir es nicht als eine christliche Einstellung und forderten niemanden auf, sich mit den Worten "Jetzt reicht's mir" zu distanzieren.

Die IGGiÖ ist eine österreichische Institution, die vor allem die religiösen Belange österreichischer Muslime verwaltet und vertritt. Sie meldet sich selbstverständlich zu FPÖ-Aussagen, wenn diese die Muslime mit Aussagen wie "Daham statt Islam" angreift, oder um Susanne Winters unselige Aussagen zurückzuweisen.

Es dürfte dem Herrn Pfarrer entgangen sein, dass wir nicht zu Demonstrationen gegen die Karikaturen aufgerufen haben und dass wir nach der Regensburger Rede des Papstes zum Tag des Dialogs statt zum Tag des Zornes aufgerufen haben. Die Österreichische Imame-Konferenzen deklarierten sich eindeutig gegen Gewalt und für Religionsfreiheit.

Es ist nicht unsere Aufgabe, wöchentlich Aussagen oder Rülpser Bin Ladens oder von wem auch immer in der Welt zu kommentieren. Unsere Aufgabe ist es, solch extremistisches Gedankengut zu bekämpfen.

Dipl.-Ing. Omar Al-Rawi Integrationsbeauftragter der IGGiÖ

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