Die Presse -Städte sind kein Ziel 12.02.2008

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"Die Presse" vom 12.02.2008                    Seite: 38

Österreich, Abend, Österreich, Morgen

Städte sind kein Ziel

>> BRIEF DES TAGES (Die Presse)

 Keine Macht der Welt kann Menschenmassen widerstehen , die gerade die Grenze der Hoffnungslosigkeit überschritten haben.

Im Oktober 2007 fand der UCLG- Kongress in Korea statt, der größte Weltverband von Städten und lokalen Regierungen. Die Probleme der Städte und Ballungszentren weltweit sind die gleichen. Herausforderungen der Umwelt, Wasserversorgung, Abwasser, Müll, der demografischen Entwicklung, der Verkehr, Wohnungsnot, ethnische Vielfalt, Integration, Armut und Versorgung sind gleich. Städte sind Zentren der Kultur und Zivilisationen und haben im Gegensatz zum ländlichen Bereich eine sehr fragile Struktur bei Katastrophen und Kriegshandlungen. Die „Bürgermeister für den Frieden“ und der Bürgermeister von Hiroshima, Tadatoshi Akiba, präsentierten die Initiative „Cities are not targets“. Dies wurde vom Kongress unterstützt. Nicht nur die Eliminierung von Massenvernichtungswaffen wurde verlangt, sondern auch die Nationen und bewaffnete Gruppen wurden aufgefordert, Städte nicht als militärisches Ziel anzusehen.
In Gaza erlebten wir in den letzten Tagen eine humanitäre Tragödie. Die UNRWA-Chefin Karen Koning Abu Zayd äußerte ihre Beunruhigung über die scheinbare Gleichgültigkeit der Welt. Dies geschehe ihrer Ansicht nach mit dem „Wissen, der Einwilligung und, manche würden sagen, der Unterstützung der internationalen Gemeinschaft“. Wird Gaza absichtlich in eine Notlage gebracht?
Die medizinische Versorgung im Gazastreifen hat sich deutlich verschlechtert. Viele werden zu spät oder gar nicht behandelt, was zu vermeidbaren Todesfällen führt, Inkubatoren und Dialysemaschinen stehen still.
Die Blockade behindert Hilfsmaßnahmen und verringert die Chancen für eine friedliche Lösung des Nahost-Konflikts. So kann man sicher keinen Frieden schaffen, und mit Recht meinen viele, dass die Schwere der Abriegelung denen in die Hände spielt, die kein Interesse am Frieden haben. Denn hungrige, ungesunde, wütende Menschen sind keine guten Partner für den Frieden.
Uri Avnery verglich den Exodus mit den Fall der Berliner Mauer. Und der Übergang von Rafah war für ihn das Brandenburger Tor.
Man sagt über Gaza, dass es das größte Gefängnis der Welt sei. Jedoch werden in jedem Gefängnis der Welt zumindest Nahrungsmittel und Wasser zu Verfügung gestellt.
Inhumane Politik ist eine schlechte und verrückte Politik, die keine Lösungen bringt.
Ägypten machte nicht ganz freiwillig trotz ausländischen Drucks eine Ausnahme, und der ägyptische Präsident Hosni Mubarak hat weise gehandelt. Das Einschreiten der restlichen internationalen Gemeinschaft sei deshalb dringlicher denn je.
Das Durchbrechen der Mauer war ein Akt der Befreiung. Und die Lehren daraus, angesichts der hilflosen Grenzsoldaten, ist, dass keine Macht der Welt Menschenmassen widerstehen kann, die gerade die Grenze der Hoffnungslosigkeit überschritten haben. 
Omar Al-Rawi
Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubengemeinschaft in Österreich
SPÖ Gemeinderat in Wien

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2008)

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