Kultur des Dialogs oder der Konfrontation? Replik auf warum hat Europa Angst vor den Muslimen?

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Die moslemischen Sozialpartner
Kultur des Dialogs oder der Konfrontation?

Omar Al-Rawi 

Replik auf Paul Schulmeister
 
Rainer Novak verglich und beschrieb in einem Aufsehen erregenden Kommentar in der Presse die Situation der muslimischen Führung in Österreich mit den Sozialpartnern. Im Leitartikel „Die moslemischen Sozialpartner“ analysierte er sehr interessant einen Zustand, den ich nicht zur Gänze teile, dem ich aber auch einiges abgewinnen konnte.
Das Zitat „Wenn es ein Beispiel für gelungene Integration gibt, dann sind es die Repräsentanten der moslemischen Gemeinde Österreichs. Sie haben geschafft, was Wissenschaftler für unmöglich halten: die vollständige Assimilation.
Politisch. …  Denn die erste Aufgabe der Gemeindevertreter …. lautet in bester österreichischer Tradition: Ruhe und Harmonie sicherstellen“. Interessant ist tatsächlich zu beobachten, dass Muslime an Europa sich im punkto Verhalten sich in ihre Umgebung assimilieren. In Frankreich, wo Konflikte  sehr oft in Krawallen enden, brannten die Vorstädte. In Deutschland pflegen Muslime sehr oft den für Deutsche typischen rauen Ton der Konfrontation in der Auseinandersetzung und kommen auf keinen grünen Zweig. In Österreich scheint der Geist der Sozialpartnerschaft übernommen worden zu sein. Vorweg haben wir weder mit dem Begriff sozial noch mit dem Begriff Partnerschaft ein Problem. Doch Rainer Novak hat es gewiss nicht positiv gemeint. Sozialpartnerschaft steht oft als Synonym für Unbeweglichkeit, Trägheit, Reformunwilligkeit und    dergleichen. Doch dieses System hat einiges an sich, dass für eine Kultur des Dialoges beispielgebend sein kann. Beide Seiten, sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer, erkannten sehr früh, dass sie Partner und nicht Gegner sind. Dass sie im gleichen Boot sitzen. Dass es den einen nur gut gehen kann, wenn es den anderen auch gut geht; ein wechselseitiges Gleichgewicht und eine Symbiose. Der Dialog mit den anderen war auf Konsens bedacht. Mit dem Ergebnis konnten beide Leben. Keiner von ihnen hat sein Gesicht verloren. Es gab keine Vorbedingungen und keine ideologischen Grabenkämpfe. Keiner verlangte vorweg vom anderen, auf den Klassenkampf oder den Kapitalismus zu verzichten. Und doch wussten beide, dass es rote Linien gab, die der andere nicht überschreiten kann und wird.
 Das Ergebnis für Österreich kann sich sehen lassen. Prosperität, sozialer Frieden, hoher Lebensstandard, attraktiver wirtschaftlicher Standort und die Streiks wurden in Sekunden gemessen. Aus dieser Erfahrung eine Anleitung zum Dialog zu machen, ohne vorgefasste Vorurteile und Klischees zu entwickeln, hätte doch wirklich Charme. Der Wille und die Bekenntnis dazu waren wirklich gegeben. Paul Schulmeister hat in seinem Kommentar völlig recht, wenn er keine Alternative zum Dialog sieht. Schließlich ist auch die europäische Befriedung des Ostblocks und das Ende des Kalten Krieges ein Modell des Dialoges gewesen. Ich finde, man sollte stolz sein, so einen Weg zu gehen und sich nicht dafür schämen müssen. Jedoch verfiel Schulmeister leider in seinen auch durchaus berechtigten Forderungen auf Stereotypen und Vorurteile, die er wiederholte. Die Aussage, dass fast alle Terroristen Muslime seien, ist nicht nur falsch sondern auch polemisch. Dies bestätigte der erst kürzlich veröffentlichte Bericht von Europol, worin das von den 500 registrierten Terroranschlägen im Vorjahr ein einziges mit islamistischen Hintergrund war. Auch die Forderung, dass die in Europa lebenden Muslime sich massiver vom Terror distanzieren sollen, suggeriert, dass sie es viel zu wenig bzw. halbherzig getan haben, was wiederum nicht der Wahrheit entspricht. Auf die immer wieder auftretende illegitime Gleichsetzung von Scharia mit Strafgesetzbuch hinzuweisen, ist mittlerweile eine mühselige Diskussion geworden, was anscheinend schwer ist den Europäern erklärlich zu machen, dass es so nicht stimmt. Und schließlich kommt die Aussage, dass Muslime die Menschenrechte endlich akzeptieren sollen. Der kenianische Sozialanthropologe Ali Masrui meint zu recht, das zwar in der Modernen Geschichte die Muslime selten sich verdienstvoll in der Entwicklung der Menschenrechte hervortaten aber man Gratuliert ihnen auch nicht das die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen nicht bei und von ihnen begangen worden sind.: Es gibt kein muslimisches Äquivalent zu nazistischen Vernichtungslagern, zum Völkermord im Ausmaß von Nord- und Südamerika sowie Australien, noch ein Gegenstück zu stalinistischem Terror, Pol Pots „Killing Fields“ und der Entwurzelung von Dutzenden von Millionen im Namen von Fünf-Jahres-Plänen. Auch sind die Moslems weder für Apartheid-Modelle verantwortlich, wie das von der südafrikanischen Reformierten Niederländischen Kirche gebilligte wurde, noch für den wilden japanischen Rassismus vor 1945 oder die rassistische Kultur des alten amerikanischen Südens mit seinem Lynchen und Brutalisieren der Schwarzen. Es ist interessant und verblüffend, dass man beim Menschenrechtsdialog immer wieder feststellt, dass „westliche“ Dialogpartner glauben, die Menschenrechte nicht nur erfunden, sondern auch gepachtet zu haben. Die Schlussbemerkung, das die Europäer nicht immer im Stande sind, das eigene jüdisch-christlichen Erbe zu benennen, zeigt auch, wie schnell das islamische Erbe in der Geschichte Europas vergessen wird und es nur noch auf die Arbeitsmigration und Türkenbelagerung reduziert wird. Dass die hellenistische Philosophie Dank der im Bagdad des 9. Jahrhunderts entstandenen spekulativen griechisch beeinflussten Metaphysiker der Mu'tazila-Schule an die heutige Zeit weitergegeben worden ist, weiß heute kaum jemand. Die kulturelle und wissenschaftliche Hochblüte der islamischen Zivilisation - die des abbasidischen Bagdads und des omayyadischen Cordobas, die Dank der Andalusier Ibn Ruschd (Averroes 1126-1198), der als Aristoteles-Kommentator die westliche Philosophieentwicklung maßgeblich beeinflusste und ganz nebenbei auch noch die Sonnenflecken gefunden hat, Ibn Arabi und Ibn Hazm, einen wesentlichen Einfluss auf die Scholastik, das Minnesängertum, die gotische Architektur, die Mathematik, das westliche Gesundheitswesen, ja sogar die christliche Mystik gehabt haben, ist fast eine Bildungslücke. Nicht vergessen sollten wir andere verdienstvolle Wissenschafter: Al-Khwarismi (gest. 846) Vater der Algebra und des Algorithmus-Terminus, Al-Razi/Rhazes (846-935), dessen medizinisches Hauptwerk "Liber Almansoris" über Jahrhunderte der Ausbildung an europäischen Universitäten diente. Ibn Sina/Avicenna (980-1037), dessen medizinische Enzyklopädie noch im 19. Jahrhundert benutzt wurde, Ibn Khaldun (1332-1406), Begründer der Soziologie und quellenkritischen Geschichtsschreibung. Ich habe die Initiative Paul Schulmeisters begrüßt und bin ihm gefolgt, bei der Gründung der Initiative Christen und Muslime mitzumachen. Es zeigt sich, dass der interne Dialog in dieser Plattform genau so wichtig ist, wie der Dialog ausserhalb. Andere Länder mögen die Konfrontation suchen und Kriege führen. Du Glückliches Österreich führe Dialog und verbreite Frieden.



Hier der Artikel von Paul Schulmeister




Warum hat Europa Angst vor den Muslimen?
 (Die Presse)
Jene, die die Muslime auf eine europäische Leitkultur verpflichten möchten, sind oft selbst nicht mehr imstande, die Wurzeln des eigenen jüdisch-christlichen Erbes zu benennen.
Eine „stille Islamisierung Europas“ sei im Gange, schreibt „Der Spiegel“. Viele Leser, die diese Prognose weiterflüstern, sind besorgt, schockstarr oder wuterfüllt. Unverständlich ist das nicht. Ein Dialog mit dem Islam sei sinnlos, sagen viele, Demokratie und Islam seien nicht vereinbar, Punktum. Doch könnte das nicht eine Wahrnehmungsfalle sein, in die immer mehr Zeitgenossen tappen?
Mag der Papst die Lebenswichtigkeit des Dialogs betonen, mag der Brief der 38 Islam-Autoritäten an Benedikt XVI. dies noch bekräftigen – die Furchtsamen unter den Europäern wollen alle einschlägigen Phänomene – vom Terror bis zur behaupteten Integrationsunwilligkeit, von „Ehrenmorden“ bis zur Frauenunterdrückung – unter den Kategorien eines „clash of civilizations“ deuten. Wer für ein respektvolles Gespräch mit den Muslimen wirbt, gilt als naiver Gutmensch, der zur Kapitulation bereit sei. Warum haben so viele Angst vor den bald 20 Millionen Muslimen in Europa?
Für 83 Prozent der Deutschen ist der Islam geprägt von Fanatismus. Zwei Drittel halten einen „Kampf der Kulturen“ für unvermeidbar. Was in Samuel Huntingtons Analyse von 1993 noch ein „Zusammenprall“ war, ist kurzerhand zum „Kampf“ geworden. Die Mehrheit Europas werde am Ende des Jahrhunderts schon islamisch sein, meint Bernard Lewis, eine der großen Kapazitäten der Orientalisten. Frits Bolkestein, ehemaliges EU-Kommissionsmitglied, stößt in das gleiche Horn. Für ideologisch Motivierte sind das Signale, sich im Sinne einer spätabendländischen „cultural defence“ zur Wehr zu setzen. Pragmatisch Orientierte sehen das Gebot der Stunde in einem Dialog „auf gleicher Augenhöhe“. Solcherart reagiert die Politik in Österreich und neuerdings in Deutschland. Im Oktober hatte Innenminister Wolfgang Schäuble erstmals 30 Repräsentanten des Staates und muslimischer Organisationen an einem Tisch versammelt. Am heutigen Mittwoch findet das zweite Treffen statt.
Mit der „Deutschen Islamkonferenz“ gelang dem CDU-Mann etwas, das die rotgrüne Vorgängerregierung nie zustande brachte. „Wie erreichen wir es“, fragte der konservative Spitzenpolitiker, „dass sich die Muslime in Deutschland noch stärker als deutsche Muslime verstehen, dass sie sich in diesem Land heimisch fühlen und sich noch stärker in seine gesellschaftlichen Belange einbringen und engagieren?“ Unter dem Druck der von Schäuble angestoßenen Bemühungen haben die wichtigsten Muslimorganisationen einen Koordinierungsrat gebildet. Es ist ein erster Schritt hin zur Bildung einer staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft, wie sie mit der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) schon seit 1912 – zum Vorteil aller – existiert. Da in Deutschland (mit knapp 3,5 Millionen Muslimen) die Integrationsprobleme sehr gravierend sind, verdient die deutsche Entwicklung hohes Interesse.



Ein historischer Versuch
Im Kern geht es darum, zu prüfen, ob und wie man unterschiedliche Kulturen und Religionen mit Demokratie, Toleranz und den Menschenrechten kompatibel machen kann. Es ist ein historischer Versuch – Gelingen oder Scheitern stehen dahin. Niemand wird bestreiten, dass die islamische Welt mit diesen Werten größte Probleme hat. Viele dieser Einstellungsprobleme wurden nach Europa importiert. Wenn Schäuble feststellt, der Islam sei ein Teil Europas und die hier lebenden Muslime Teil unserer Gegenwart und Zukunft, dann gibt es keine sinnvolle Alternative zum Gespräch. Der Dialog wird oft geschmäht, weil es sich mitunter um Zeremonien folgenloser Freundlichkeiten oder gutwilliger Beschwichtigungen handelt, bei denen Probleme geleugnet oder ausgeklammert werden. Aber deshalb kann man das Dialogkonzept als solches nicht verwerfen. Was stünde denn zur Wahl? Gesprächsverweigerung unter dem Banner der jeweils eigenen Wahrheit? Wer von solchen Vorstellungen erfüllt ist, fällt in die Phase eines voraufklärerischen Menschenbildes zurück.
In Europa ist die Trennung von Staat und Religion – allein gedanklich schon – nicht rückgängig zu machen. Die Entwicklung bis dahin war blut- und leidvoll. Eine Wiederholung sollte man den Muslimen nicht als Schicksal wünschen. Im heutigen Säkularismus ist der religiöse Pluralismus abgesichert. Muslime müssen die Freiheit für andere Religionen, für Ungläubige und die Abkehr vom Islam akzeptieren – nicht nur mit Vorbehalten. Auch die Anerkennung der universellen (nicht der islamischen) Menschenrechte ist unabdingbar. Integration wird umso besser glücken, wenn man den Muslimen, die dazu bereit sind, das Gefühl vermittelt: Ihr seid willkommen, dies ist unsere Heimat, ihr sollt die gleichen Bildungs- und Karrierechancen haben.



Dialog keine Entspannungsübung
Rückschläge werden unvermeidlich sein. Der Prozess von wechselseitiger Empathie und Ängsten wird über Generationen gehen. Europas zentraler Wert ist die Menschenwürde des Individuums – evident daher die Spannungen mit der islamischen Vorstellung vom Vorrang der Gemeinschaft (Umma). Doch Spannungen müssen nicht unüberwindlich sein. Wo die Entwicklung enden wird, weiß niemand. Doch eine Dialektik kann nur fruchtbar werden, wenn sie vom Vertrauen getragen wird. Eine Dialektik, die auf Gesprächsverweigerung setzt, wird destruktiv und endet im (geistigen) Bürgerkrieg. 
„Dialog“ ist keine Entspannungsübung, kein Five o'Clock Tea der Konfessionen. Dialog ist eine Gratwanderung, bei der man auch die Einwände der Skeptiker beachten muss. Drei seien erwähnt. Erstens die Gewaltfrage. Das Kernproblem hat jener Kommentator des TV-Senders al-Jazeera benannt, der sagte: „Man kann natürlich nicht behaupten, dass alle Moslems Terroristen sind, aber wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass fast alle Terroristen Moslems sind.“ Wenn sich Muslime zu Recht dagegen wehren, unter Generalverdacht gestellt zu werden, dann müssen sie sich in Europa massiver von jenem Terrorismus distanzieren, der sich auf den Koran beruft. Zweitens ist es nicht annehmbar, wenn in Europa da und dort Muslime versuchen, unter Berufung auf die Religionsfreiheit Teilen der Scharia Geltung zu verschaffen. Die Scharia ist mit dem europäischen Rechtsverständnis nicht vereinbar.
Drittens die Frage der historisch-kritischen Selbstaufklärung. Wenn in Europa ein Reform-Islam entstehen soll, dann – so sagen viele – müsse er sich tendenziell von den islamischen Strukturen der Herkunftsländer abkoppeln, müsse das Rüstzeug moderner Philologie und Hermeneutik anwenden und jene Methoden der wesensbezogenen Koraninterpretation neu beleben, wie es sie schon – bis zur Selbstversiegelung in den vergangenen Jahrhunderten – im frühen Islam gegeben hatte. Es ist nicht Sache der Außenstehenden, das zu bewirken. Geduld wird nötig sein.



Was sind die Wurzeln Europas?
Warum hat Europa Angst vor den Muslimen? Teils aus historischer Erinnerung, teils wegen der heutigen Erfahrungen mit islamistischer Gewalt, teils wegen der schnellen Zunahme der muslimischen Bevölkerung, teils wegen der vermeintlichen Nicht-Vereinbarkeit kultureller Prägungen. Es gibt noch einen weiteren Punkt: die Selbstzweifel eines altersmüden Europa, das bereit ist, sogar die Werte des eigenen Liberalismus zu liberalisieren. Ein solcher Relativismus gäbe jeden Standpunkt preis. Ein solches Europa fürchtet die größere Vitalität der „anderen“ und weicht dann gern in „Leitkultur“-Debatten aus.
Doch jene, die die Muslime auf eine europäische Leitkultur verpflichten möchten, sind oft selbst nicht mehr imstande, die Wurzeln des eigenen jüdisch-christlichen Erbes zu benennen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2007)


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