Was tun gegen Extremismus? 28.07.2005

User Rating: 0 / 5

Star InactiveStar InactiveStar InactiveStar InactiveStar Inactive
 
diepresse.com    
 
  zurück | drucken  
 

 
  28.07.2005 - Meinung / Gastkommentare   
 
  Was tun gegen Extremismus?   
 
  GASTKOMMENTAR VON OMAR AL-RAWI   
 
  Auch wenn Muslime Pauschalverdächtigungen zu Recht ablehnen, genügt es nicht, Anschläge im Nachhinein zu verurteilen.  
 
 

Ob an der intensiven Diskussion der vergangenen Tage über radikale Muslime in Österreich der Anschlag in London, der Verfassungsschutzbericht oder das Sommerloch schuld sind, ist nicht wirklich von Bedeutung, denn eine Befassung mit der Thematik ist längst überfällig. Denn so sehr wir als Muslime es ablehnen, in eine Art Pauschalverdächtigung zu geraten, müssen wir auch einsehen, dass es einfach nicht genügt, sich immer nur im Nachhinein von solchen Anschlägen zu distanzieren und sie zu verurteilen. Wir haben auch eine Bringschuld gegenüber der Gesellschaft und aktiv und präventiv unseren Beitrag zu leisten. 
Die meist gestellte Frage war, was tun wir dagegen? Ich möchte ein paar Gedanken skizzieren, mit denen ich mich sowohl an die Fragesteller als auch an meine Glaubensgeschwister wende, um einen Leitfaden zu entwickeln. 
Es gibt Radikale und Extremisten in allen Religionen und politischen Weltanschauungen, aber eben auch bei Muslimen. Dies zu erkennen und zu gestehen ist keine Diffamierung des Islams und der Muslime. Im Gegenteil, dies ist eine Chance, uns von der Geiselhaft einer Minderheit zu befreien. Zu wissen, dass es seit den Anfängen des Islams solche Radikale gegeben hat, ist wichtig. Sowohl der dritte als auch der vierte rechtgeleitete Kalif wurden von den "Khawaridj" ermordet. Der Prophet hat laut Überlieferung selber vor dem Irrweg dieser Richtung gewarnt. Nur wer seine Geschichte verarbeitet, kann auch seine Zukunft bewältigen: 
Kein Dualismus: Unsere Abscheu vor Mord, Terror, Gewalt und Ungerechtigkeit muss universal und für jeden gelten. Ein klares Islamverständnis ohne Konfusion gehört her. Wenn wir Krieg, Besatzung und Verletzung des Völkerrechtes anprangern, dürfen wir nicht über die mangelnde Demokratie, die Diktatur und Menschenrechtsverletzungen in muslimischen Gesellschaften hinwegschauen. Das eigene Gewissen fortlaufend zu prüfen ist wichtig. Wer sich heimlich über so ein Attentat freut oder damit sympathisiert, muss wissen, dass er ein Partner dieses Verbrechens ist. 
Wir und die Muslime in der Welt: Die Imame-Konferenz widmete schon ein Kapitel diesem Thema, wo festgehalten wurde, dass uns die Situation der Muslime in der Welt nicht gleichgültig sei. Hier werden wir unseren Beitrag leisten als Brückenbauer, aber auch Ungerechtigkeiten gegenüber muslimischen Gesellschaften aufzeigen. Unsere Aufgabe ist es, medial durch Veröffentlichungen, Demonstrationen, aber auch demokratische Beteiligung an politischen Prozessen zu versuchen, die Dinge zum Besseren zu wenden. Auch durch die finanzielle Hilfestellung für Waisenkinderprogramme oder Frauenprojekte ein bisschen die Not zu lindern. 
Wir werden Unrecht und Verbrechen nicht mit Unrecht und Verbrechen unsererseits begegnen. Mit unserem Stimmverhalten bei Wahlen werden wir die Kräfte stärken, die für Frieden und soziale Gerechtigkeit sind. Wir werden Europa als ein Friedens- und Sozialprojekt sehen und uns aktiv einbringen und mitgestalten. Europa sollte für uns nicht bloß ein gemeinsamer Markt und Wirtschaftsklub sein, aber auch kein rein abendländischer Verein. Denn zu Europa gehört dank Andalusien auch ein Stück islamische Geschichte. 
Wir und die Sicherheitsbehörden: Eine Kooperation ist wichtig, aber auch ein Dialog und eine Arbeitsteilung. Unsere Aufgabe muss lauten, vordergründig Radikalismus und nicht Radikale zu bekämpfen, Ursachen und nicht Symptome. Nachhaltige Ergebnisse können erreicht werden, wenn wir am Ende des Weges das bessere Angebot machen und die besseren Ideen und den attraktiveren Weg bieten. 
Den Extremisten zu entzaubern und sein Gedankengut auszutrocknen muss gelingen. Wir werden sicher keine Videoüberwachung installieren oder biometrische Erkennungsmerkmale erfassen. Wir werden auch nicht ein Haufen von Informanten, Denunzianten oder V-Männern werden. Wir dürfen auch nicht wegschauen und nicht verharmlosen. Jede Aussage oder Ansicht sollte ernst genommen und durch Diskussion und durch Handeln verarbeitet werden. Wo aber Gefahr in Verzug ist, müssen die Sicherheitsbehörden sofort informiert werden, und dies wurde auch durch die "Fatwa" von Scheich Adnan Ibrahim unterstrichen. 
Den Nährboden für Radikalismus zu beseitigen ist unser alle Aufgabe. Mit neuen Gesetzen sollen zwei Dinge beachtet werden: 1.) Dort, wo Einschränkungen von Bürger- und Grundrechten drohen, muss mit allergrößter Sensibilität umgegangen werden. 2.) Keine reine "Lex Muslime" schaffen. Jeder, der verhetzt und zu Gewalt aufruft, sollte im Rahmen des Rechtsstaates zur Verantwortung gezogen werden. Ob durch Hass und Aufstachelung Bomben inmitten von Zivilsten hochgehen oder Asylantenheime brennen, muss uns gleich schockieren. Und diese Form von Unmenschlichkeit muss gemeinsam beseitigt werden, nach dem Motto "Wehret den Anfängen". 

  This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.

Dipl- Ing. Omar Al-Rawi ist Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Mitbegründer der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen und SP-Gemeinderat in Wien. 

 
 
  © diepresse.com | Wien  
0
0
0
s2sdefault