Doppelmoral & Scheinheiligkeit - Gastkommentar zum Irak Krieg 20.03.2003

User Rating: 0 / 5

Star InactiveStar InactiveStar InactiveStar InactiveStar Inactive
 
diepresse.com     
 
 
 
  zurück | drucken  
 
 
 
  20.03.2003 - Gastkommentare   
 
  Doppelmoral & Scheinheiligkeit  
 
     
     
  Gastkommentar VON OMAR AL-RAWI  
 
 

Ich bin in Bagdad geboren. Im Februar 1991 begegnete ich auf der Mariahilferstraße einer Friedensdemo gegen den Irakkrieg. Nicht sehr groß, ein paar hundert. Schließlich dachten damals viele, auch ich, dass Saddam seinen größten aber auch letzten Fehler begangen habe, und wir und das irakische Volk ihn ein für alle Mal los würden.


Die nächsten Wochen belehrten mich aber eines Besseren. Nach schwerer Bombardierung und Zerstörung der Infrastruktur, von Kläranlagen, Elektrizitätswerken, Wasseraufbereitungsanlagen und Brücken blieb die US-Armee vor Bagdad stehen. In der Folge richtete sich ein Embargo gegen die Zivilbevölkerung, das seinesgleichen in der Geschichte sucht. Verbunden mit unvorstellbarem Leid, Entbehrungen, Krankheiten und vor allem 1 Million toter Kinder, die an in Europa oft leicht heilbaren Krankheiten starben, verursacht u. a. durch mit Uran angereicherten Geschossen. 
Mehr als ein Jahrzehnt danach marschieren Millionen weltweit. Keiner glaubt mehr an die Notwendigkeit und Legitimität dieses Krieges. Fast zynisch klingt die Verlautbarung der Amerikaner, knapp vor dem Waffengang eine friedliche Lösung für das Palästinaproblem finden zu wollen. Irgendwie haben wir das schon knapp vor dem Afghanistankrieg als Köder für Allianzen gehört, geschehen ist aber außer Versprechungen nichts. 
Der Krieg wird wieder menschliches Leid, große Umweltschäden und eine schwere Wirtschaftskrise verursachen. Ein Flächenbrand in der Region ist nicht ausgeschlossen, und der Graben zwischen der arabischen islamischen Welt und dem Westen wird immer größer. Während man Rechtsstaatlichkeit fordert, ignoriert man das Völkerrecht, und während man Demokratie fordert, erlebt man die Macht der Amerikaner im Weltsicherheitsrat. Dass man auf die Bedürfnisse und Sehnsüchte des Volkes keine Rücksicht nimmt, erscheint nur noch nebensächlich. Die Großkonzerne in Amerika sind schon mit dem Wiederaufbau beauftragt. Die Zeche werden das irakische Volk und Europa zahlen. 
Besinnen wir uns unserer Werte wie Neutralität, und denken wir daran, dass die EU ein Friedensprojekt war und ist. Und dass der Urgedanke "Nie wieder Krieg!" nicht nur für Europa, sondern für die ganze Welt gelten soll. 
Der Autor ist Wiener SPÖ-LAbg. und Gemeinderat, sowie Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft. 



© Die Presse | Wien

 
0
0
0
s2sdefault