Vergebene Liebesmüh Gastkommentar zu Jörg Haider 10.06.2002

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10.06.2002 - Gastkommentare    
 
  Vergebene Liebesmüh'  
 
  Die in Europa lebenden Muslime sind politisch gebildeter, als viele Politiker glauben.  
     
  GASTKOMMENTAR VON OMAR AL-RAWI  

 

 
 

Dipl.-Ing. Al-Rawi, in Bagdad geboren, ist Mitbegründer der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen. 

Da die Europäische Union im Laufe der Zeit zunehmend an politischer und wirtschaftlicher Bedeutung gewinnen wird, ist es verständlich und legitim für die arabischen und islamischen Staaten, die Beziehungen zu diesem großen Markt zu intensivieren und auszubauen. Doch darf bei diesem Versuch nicht vergessen werden, einen wichtigen Faktor ins Kalkül mit einzubeziehen - nämlich die muslimische Minorität in Europa.

Es liegt auf der Hand, daß durch die gemeinsamen kulturellen, wirtschaftlichen, sprachlichen aber auch religiösen Wurzeln hier ein enges Verbundenheitsgefühl besteht. Diese Minderheit, die gleichzeitig ein nicht zu vernachlässigendes Wählerpotential mit großer Lobby-Zukunft darstellt, erfährt jedoch in Europa eine zunehmend wachsende Fremdenfeindlichkeit, verbunden mit zahlreichen unangenehmen Nebenerscheinungen, allen voran Rassismus und Islamfeindlichkeit.

Der Grund dafür ist eine populistische Politik, die Emotionen ausschlachtet und in politisches Kleingeld ummünzt, damit verbunden sind Wahlerfolge der Rechten Parteien als Proponenten dieser politischen Linie. Wie kann es daher zu solch eigenartigen Allianzen zwischen Jörg Haider und der arabischen Welt kommen?

Begonnen hat es mit den EU-Sanktionen gegen Österreich, als gewisse Staaten - selbst von diversen Sanktionen betroffen - es für notwendig hielten, sich solidarisch zu erklären. Frei nach dem Motto "In der Not frißt der Teufel Fliegen" gaben einige Politiker als "Persona non grata" einander geradezu die Türklinken in die Hand. Dabei wurde übersehen, daß man einander keinen guten Dienst erwies.

Ein andauernder Nahostkonflikt mit seinen ständigen Eskalationen verstärkte das entstandene Vakuum, in das die Rechten immer wieder stoßen können, solange andere Politiker der Mitte und der Linken keine klare Position beziehen. Leider wird von der arabischen Seite übersehen, daß solche "Helfer" der Sache nicht sonderlich dienlich sind, zumal sie einerseits nur selten Regierungsbeteiligungen stellen und andererseits nähren sie die Angst vor einem weiter keimenden Antisemitismus.

Wem hat nun das berühmte Interview des arabischen TV-Senders "Al Jazeerah" mit Landeshauptmann Jörg Haider genützt? Zunächst einmal hat es dem Sender sicher höhere Einschaltquoten und Haider einige Sympathien in der arabischen Welt gebracht.

Doch was hat er davon? In Österreich jedenfalls, wo der Sender eine hohe Reichweite unter der arabisch-stämmigen Seherschaft hat, wurden die Zuschauer enttäuscht: Der österreichischen Innenpolitik war nur wenig Platz eingeräumt und die spärlichen kritischen Fragen über umstrittene Zitate von Freiheitlichen wurden von Haider - in gewohnter Manier - überhaupt ignoriert.

Mittlerweile sind die hier lebenden Muslime allerdings sensibilisiert und haben ein politisches Bewußtsein entwickelt, daß man sie nicht mit ein paar gefälligen Worten zum Nahostkonflikt abspeisen kann. Im Vordergrund stehen für sie hierzulande die Probleme des täglichen Lebens wie die berufliche, soziale und politische Integration. Zu deutlich noch sind Kampagnen wie jene im Namen des Tierschutzes gegen das rituelle Schächten in Erinnerung. Zu lebendig wirken noch die Versuche nach, konfessionelle Schulen oder die Errichtung von Friedhöfen zu verhindern.

Es war für Jörg Haider wohl doch nichts als verlorene Liebesmüh. 
Dieser Kommentar drückt die persönliche Meinung des Autors aus.



© Die Presse | Wien

 

 
  

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