Gerechtigkeit, Rache, Sippenhaftung? Gastkommentar 11.10.2001

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Gerechtigkeit, Rache, Sippenhaftung?
 
GASTKOMMENTAR VON OMAR AL-RAWI GASTKOMMENTAR (Die Presse) 11.10.2001
 
Dialog der Kulturen ist gefordert, nicht daß Muslime quasi in "Geiselhaft" genommen werden.
 
 
 

Der Autor ist Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. 

 

Die alte Weltordnung gibt es nicht mehr, nur weiß sie es noch nicht", meinte der norwegische Friedensforscher Johan Galtung einen Tag nach dem grausamsten Terroranschlag der Menschengeschichte. Tatsächlich das "Pearl Harbour" des 21. Jahrhunderts. Da wie dort wurde eine Nation durch Selbstmordattentäter unerwartet ins Herz getroffen. Die Gefahr für den Weltfrieden ist groß. 
Und schon sind eine Milliarde Muslime in der Welt von einer Person in Afghanistan in Geiselhaft genommen. Trotz Verurteilung, Distanzierung, Solidarität der gesamten islamischen Welt sprach man vom ersten Augenblick an nur mehr vom islamischen Terror. Plötzlich schienen alle Bemühungen um Integration, Dialog, Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit bei der Stunde Null zu sein. Die Rede war selten von Gerechtigkeit, sondern eher von Rache und Vergeltung. Zahlreiche Drohungen und Pöbeleien zeugten von kollektiver Bestrafung und Sippenhaftung anstatt Bestrafung der Schuldigen. 
Was kann man neben Aufklärung und vertrauensbildenden Maßnahmen in dieser kritischen Situation unternehmen? 
Integration nicht nur forcieren, sondern von allen, die es auch wollen, zulassen! Die bereits erkennbare Identifikation mit Europa und Demokratie sollte gefördert werden und ist Garant, daß keine Subkulturen oder Parallelgesellschaften entstehen. Deutsche Tendenzen, Vereine zu verbieten, die irgendwie islamisch wirken, geben nicht den richtigen Weg vor. Integration bedeutet Partizipation, dies erreicht man nicht per "Radikal-Erlaß". 
Die These, daß es "Schläfer" gibt, ist gefährlich und antiintegrativ und würde die Muslime zu einer potentiellen Gefahr, ja sogar zu einer tickenden Bombe stigmatisieren. Alle Anstrengungen eines Antidiskriminierungsgesetzes wären dann eine Farce. Nicht Huntingtons "Clash of Civilisations", sondern der Dialog der Kulturen ist gefordert. Es gibt auch andere Wege als Gewalt zur Lösung. Hier sind innerstaatlich Mediatoren gefragt, und Österreich könnte wie schon früher in der jüngeren Geschichte eine wichtige Rolle spielen. Die Neutralität gewinnt in solchen Situationen an Bedeutung und ist eine Riesenchance, für den Erhalt des Weltfriedens aktiv einzutreten. An ihr festzuhalten, ist keinesfalls ein Akt der Feigheit oder gar Verantwortungslosigkeit. 
Um erweiterte Sicherheitsmaßnahmen zur Minimierung solcher Gefahren wird man nicht herumkommen. Bürgerrechte und demokratische Strukturen sollen dabei aber nicht angetastet werden. Eine Entwicklung in Richtung eines Polizeistaates ist abzulehnen. Wir brauchen einen sensiblen Umgang mit der Sprache und differenzierte Berichterstattung, um jeglicher Form der Zuweisung von Kollektivschuld entgegen zu wirken. 
Die Welt ist kleiner und verletzbarer geworden. Probleme wie Globalisierung, Armut, Klimaverschiebung, Umweltverschmutzung, Menschenrechtsverletzungen und regionale Krisenherde machen nicht mehr Halt vor unseren Grenzen. Die Lösung dieser Probleme sollte unser Anliegen sein. Extremismus kann nur durch einen gewissen Nährboden entstehen, der ist Gott sei Dank in Österreich nicht gegeben. Mit Religions- und Meinungsfreiheit und einer gewissen sozialen Absicherung haben nicht nur die Muslime Rechte, die sie sehr zu schätzen wissen. 
Nach Pearl Harbour ist Amerika in den Krieg gezogen, die japanische Minderheit Amerikas wurde kollektiv interniert, diskriminiert und als fünfte Kolonne betrachtet. Ein Schicksal, das den Muslimen Amerikas blühen könnte. Ich hoffe, beides geschieht dieses Mal nicht. 

 
 
 
 
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