Müssen Imame Deutsch predigen?

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Anmerkungen zu jüngsten Forderungen von Sebastian Kurz

Was hat Religion mit Integration zu tun? Eigentlich gar nichts. Integration ist a priori keine religiöse Angelegenheit. Da aber der überwiegende Teil der Muslime Österreichs eine Zuwandergeschichte hat, ergibt sich dies zwangsläufig - und daher geschieht es auch immer wieder, dass sich der neue Integrationsstaatsekretär mit islamischen Themen beschäftigt. Er initiiert das Dialogforum Islam, macht sich Gedanken um die Imame-Ausbildung und möchte die Predigten in den Moscheen auf Deutsch hören. Fast könnte man meinen, er sei der Kulturminister.
Nun ist es sicher vernünftig und notwendig, dass es eine Ausbildungsstätte für Imame in Österreich geben soll. Warum jedoch langfristig die Imame ausschließlich in Österreich ausgebildet werden sollten, bleibt mir ein Rätsel. Zumal es doch auch zum Grundverständnis der Freiheit der Wissenschaft gehört, dass man universitäre Ausbildungen jeglicher Art selbstverständlich auch an ausländischen Universitäten absolvieren darf.
Vielleicht wäre es aber ein akzeptabler Zwischenschritt, für in Österreich lebende Muslime an anerkannten Fakultäten im Ausland Stipendien zu vergeben, um solcherart "einheimische Imame" auszubilden und zu qualifizieren. Im übrigen sollte man nicht vergessen, dass inzwischen zahlreiche ausländische Pfarrer in Österreich tätig sind. Und niemand käme wohl auf die Idee, deren Loyalität zu Österreich oder deren Qualifikationen in Frage zu stellen. Und: Ja, die Imame sollten die deutsche Sprache beherrschen, doch warum sollte ein mazedonischer, türkischer oder albanischstämmiger Muslim seine Predigt nicht in seiner Muttersprache hören dürfen?
Schließlich wird in der polnischen und russischen Kirche auch nicht auf Deutsch gepredigt. Außerdem finden viele Messen auf Ungarisch, Kroatisch und Slowenisch statt. Davon abgesehen wird ja bereits heute in etlichen Moscheen Wiens die Predigt auf Deutsch gehalten. Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich hat Deutsch als Amtssprache; ihr Schriftverkehr und sämtliche Sitzungen werden in deutscher Sprache abgewickelt.
Die religionspädagogische Akademie unterrichtet auf Deutsch, und unsere 50.000 Schülerinnen und Schüler in den öffentlichen Schulen erhalten ihren Religionsunterricht auf Deutsch. Niemand zweifelt also die Tatsache an, dass Deutsch ein wesentlicher Bestandteil einer funktionierenden Integration ist. Daher braucht es dafür auch keine Vorschrift, weil Deutsch zu sprechen einfach eine Notwendigkeit ist. Wer es nicht tut, verbaut sich und seinen Kindern die Zukunft und den sozialen Aufstieg. (Omar Al-Rawi, DER STANDARD, 29.3.2012)
Autor
Omar Al-Rawi ist Vorstandsmitglied der Initiative muslimische Österreicher/-innen.
Und war Langjähriger Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich

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