Der Koran als Werbeprospekt?

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TARAFA BAGHAJATI


Der Koran als Werbeprospekt?
KOMMENTAR DER ANDEREN | TARAFA BAGHAJATI, 19. April 2012, 18:27
Warum die missionarisch geprägte Koran-PR-Aktion in Deutschland weder dem Geist des Buches entspricht noch dessen Verbreitung, geschweige denn der Debatte um den Islam dienlich ist
Zuerst sollte festgehalten werden, dass gegen die Verteilung von religiösen Schriften wie dem Koran prinzipiell nichts einzuwenden ist. In diesem Sinne ist auch die unaufgeregte Haltung des österreichischen Verfassungsschutzes zu begrüßen. An einem Import der polemischen und zugespitzten Debatte aus Deutschland herrscht hierzulande auch keinerlei Bedarf.
Natürlich kann und soll über solche Aktionen gesellschaftspolitisch in aller Offenheit diskutiert werden. Allerdings erfüllt es uns Muslime mit Sorge, wenn in zahlreichen veröffentlichten Debattenbeiträgen, wenn auch selten explizit, in Richtung Kriminalisierung von Korantexten argumentiert wird ("Schutzzonen" etc.). Hinzu kommt der nun allgemein zu Unrecht entstandene Eindruck, dass jeder, der Korane verschenkt, ein Salafist oder gar Extremist sein muss.
In der konkreten Sache selbst stellt sich natürlich die Frage, ob eine flächendeckende Koranverteilung tatsächlich zu einer größeren Informiertheit der Bevölkerung zum Thema Islam führt. Es ist unbestritten, dass der Koran als islamische Hauptquelle für ein besseres Verständnis unserer Religion von großer Bedeutung ist. Aber neben dem Koran sind Einleitungen, Erklärungen und Exegesen unerlässlich, um mit den religiösen Texten nutzbringend umgehen zu können. Zahlreiche Verse sind nicht buchstäblich zu verstehen; vieles erschließt sich erst in der Gesamtschau mit Vor- und Nachtexten unter Berücksichtigung des "Asbab Annuzul", des Offenbarungsanlasses.
Die Muslime haben eigene theologische Wissenschaften entwickelt, um die vielschichtigen heiligen Texte zu ergründen. Die einfachen Gläubigen tradieren von Generation zu Generation nicht nur den Koran, sondern auch all das andere islamische Wissen, in dem ein Verständnis des Korans eingebettet ist.
Das alles ist einem interessierten nichtmuslimischen Publikum allgemein bekannt. Es kann aber kaum davon ausgegangen werden, dass das bei Passanten vorauszusetzen ist, die zufällig auf der Straße ein Koranexemplar in die Hand gedrückt bekommen.
Aus muslimischer Sicht ist auch der laxe Umgang mit dem Koran, als wäre er eine billige Massenware oder Werbematerial, nicht unbedenklich. Muslime bemühen sich um einen würdevollen Umgang mit diesem Buch. Bei dieser Aktion ist aber davon auszugehen, dass nicht selten verteilte Exemplare einfach im Müll landen werden. Islamfeindliche Akteure im Internet kündigten bereits an, bewusst möglichst viele Exemplare den Verteilern abzunehmen, um diese danach herabzuwürdigen.
Muslime haben theologisch gesehen einen Informationsauftrag; aggressive Missionierungsversuche oder - noch problematischer - sektiererisches Verhalten ist auch islamisch gesehen dezidiert unerwünscht. Der islamische "Daiia" (Arabisch Verkünder, Aufklärer) darf nicht anonym agieren und soll in erster Linie ein vorbildhaftes soziales Verhalten an den Tag legen. Sich hinter irgendwelchen Pseudonymen zu verstecken, wie es hier auch passiert, ist nicht vertrauenerweckend. Die Arroganz, die vielen Missionierungsversuchen zugrunde liegt (der Missionar im Alleinbesitz der Wahrheit, der andere ein Nichts) widerspricht dem Geist des Islam, der zuvorderst Bescheidenheit und Demut verlangt und zudem fremde religiöse Traditionen hochschätzt.
Im Koran selbst heißt es (Sure 16, Vers 125): "Lade zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung ein und diskutiere mit ihnen auf die beste Art und Weise ...". Ob solche Aktionen tatsächlich der Weisheit letzter Schluss sind, sei dahingestellt! (Tarafa Baghajati, DER STANDARD, 20.4.2012)
Autor
Tarafa Baghajati ist Obmann der Initiative muslimischer Österreicher/-innen und Kulturreferent der Islamischen Religionsgemeinde Wien.

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