Al-Rawi Muslime bei Wahl "Zänglein an der Waage"

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 Die Presse


von RAINER NOWAK (Die Presse)
In Wien sind laut Schätzungen mehr als 200.000 Menschen mit Migrationshintergrund wahlberechtigt. Omar Al-Rawi ist der Kontaktmann der Wiener SPÖ zur Islamischen Glaubensgemeinschaft - und zu deren Wählerschaft. 


Ihr Chef in der Glaubensgemeinschaft, Anas Schakfeh, fordert im Wiener Wahlkampf ein Minarett pro Bundesland. Das gefällt Ihrem Chef in der Wiener SPÖ, Michael Häupl, weniger. Oder war das Wahlkampfhilfe für Omar Al-Rawi, der sich schützend vor die Moslems stellen kann?


Omar Al-Rawi: Das war keine gezielte Forderung, sondern eine Antwort auf eine Frage in einem Interview. Da hat er von Visionen in 50 Jahren gesprochen.
Sie sind Medienprofis. Sie fordern immer wieder von nicht muslimischer Seite Fingerspitzengefühl. Auf Fingerspitzengefühl wurde da völlig verzichtet.
Besten Profis kann etwas passieren.
Eine solche Entschuldigung würden Sie bei jedem anderen aber nicht gelten lassen.
Es passiert, dass eine Aussage zur Schlagzeile wird und nicht diejenige, die man selber gerne sehen würde.
Das könnte Ihnen jetzt auch passieren, das ist Journalismus. Ariel Muzicant hat gemeint, man solle Moscheen bauen, aber möge auf das Minarett verzichten. Kann es für Sie Moscheen ohne Minarette geben?
Es muss nicht unbedingt ein Minarett sein. Aber ich bin dagegen, es zu verbieten. Es gibt in Österreich über 200 Moscheen, vier haben Minarette.
 
Braucht Wien mehr Moscheen? 
Ich glaube nicht, dass Wien mehr Moscheen braucht, aber es ist an der Zeit, diese alten, ungesunden Räume in Hinterhöfen und Kellern, in denen es keinen würdigen Rahmen für das Gebet gibt, zu modernisieren. In manchen Fällen wird man an einen anderen Standort übersiedeln müssen. Das ist Sache des Bedarfs und nicht des Justaments. Deswegen zu sagen, in allen Landeshauptstädten brauchen wir eine Moschee, ist nicht meine Aussage.
Klagenfurt oder Eisenstadt benötigt wohl tatsächlich keine Moschee mit einem Minarett. Aber Favoriten oder Ottakring vielleicht?
Gerade in Favoriten sind zwei Moscheen vor drei Jahren entstanden. In Ottakring ist vor fünf Jahren eine neue Moschee eröffnet worden, in einem Raum, den man von außen nicht als Moschee erkennt.
Dann gibt es also kein Problem?
Es gibt in Wirklichkeit kein Problem. Das Problem entsteht dort, wo ein neues Zentrum entsteht und Anrainer Sorgen wegen der Parkplatzproblematik und Lärmbelästigung haben. Problematisch wird es für mich, wenn in einer Bürgerinitiative, die berechtigte Sorgen hat, Leute von außerhalb auftauchen und dubiose Menschen aus dem rechtsextremen Bereich mitmarschieren.
Apropos Extremismus: Nach der Aufbringung von Schiffen der Gaza-Flotte hat es auf Ihr Betreiben die berühmte Resolution im Gemeinderat gegeben, in der Israel verurteilt wird. Am selben Tag hat es eine unangemeldete Demonstration gegen Israel mit Nazi-Sprüchen und Randale gegeben. Wo ist da Ihr mäßigendes Auftreten geblieben?
Diese Demonstration war illegal, und ich habe sie verurteilt und mich davon distanziert. Es stimmt, dass der Gemeinderat keine außenpolitische Kompetenz hat, aber wir haben sehr wohl schon vorher zu solchen Themen Stellung genommen – etwa gegen den iranischen Präsidenten. Ich stehe zu dieser Resolution.
Auch wenn Sie heute mehr Informationen haben und wissen, dass nicht alle Teilnehmer dieser Blockadebrecher-Aktion ausschließlich Friedensstifter waren.
Ich kenne nicht alle 700 Leute, die auf den Schiffen waren. Aber natürlich war es eine politische Mission, um eine Blockade des Gaza-Streifens zu beenden und für die Beendigung dieser Blockade bin nicht nur ich, sondern das haben auch der Obama, der Sarkozy und Ban-Ki-moon genauso gesagt.
Diese verwenden andere Mittel. Es gibt eine Lesart in dieser Stadt: Diese scharfe Resolution gegen Israel war von Ihnen auch eine Aktion, für Michael Häupl, israelkritische Wähler mit moslemischem Hintergrund zu binden.
Sie verwenden genau dieselben Mittel: Resolutionen und politische Aufrufe. In dem Moment war ich sicher nicht an Wählerstimmen interessiert. Wir alle gehen d'accord, dass der Umgang der israelischen Marine mit dieser Flotte nicht gescheit war.
Völlig d'accord, aber ich rede von den österreichischen Implikationen – Sie würden sich doch als israelkritisch bezeichnen, oder?
Ich bin ein Kritiker der Politik, nicht Israels, sondern der Politik der israelischen Regierung. Die Untersuchungsergebnisse der UNO über den Vorfall geben mir recht.
Was sagt Ihnen diese österreichische Organisation IHH, die hinter der Gaza-Flottenaktion stand, und deren deutscher Ableger verboten wurde?
Bis zu dieser Flottengeschichte war das für mich kein Begriff.
Auch nicht die in Österreich? In Österreich hat sie keinen Konnex zur islamischen Glaubensgemeinschaft?
Nicht, dass ich wüsste. Das ist eine humanitäre Organisation, die als Verein in Wien organisiert ist.
Aber in Deutschland sammeln die offenbar Geld für der Hamas nahestehende Organisationen. Sind das humanitäre Aufgaben?
In Wien ist das offenbar nicht so.
Glauben Sie, dass Wähler muslimischen Glaubens wahlentscheidend sein werden?
Sie werden das Zünglein an der Waage sein. Sie können vor allem die Wahlbeteiligung erhöhen. Sie sind sicher keine freiheitlichen Wähler. Es hat sich oft gezeigt, dass viele nicht von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Heinz-Christian Strache wird mit seinem aggressiven Wahlkampf sehr wohl eine Mobilisierung schaffen.
Zynisch gesagt: Strache hilft auch der SPÖ? 
Das weiß ich nicht. Auf so eine Hilfe kann ich verzichten. Meine Sorge über den Wahlkampf ist, dass Strache Zwietracht sät und die Gesellschaft spaltet.
Was sagen Sie zu den Aussagen von Thilo Sarrazin, stimmt Sie die Unterstützung nicht nachdenklich? Glauben Sie nicht, dass einige seiner Befunde für Deutschland, aber auch Österreich nicht einen wahren Kern haben?
Es stimmt mich nachdenklich, dass so viele Menschen bereit sind, dem offensichtlichen Rassismus eines Herren Sarrazin Beifall zu klatschen. Die Muslime in Österreich haben noch einen langen Weg im Kampf um die Herzen der Menschen vor sich. Wir müssen uns noch viel Akzeptanz erarbeiten. Der Schlüssel liegt in der Bildung. Eines unserer Probleme ist, dass ein großer Teil es nicht geschafft hat, in die Mittelschicht zu kommen.
Ein Versagen der SPÖ eigentlich.
Würde ich nicht sagen. Das ist einerseits eigenes Versagen, andererseits liegt es an den gesellschaftlichen Strukturen und an der Wirtschaft des Landes.
Studien sagen, dass junge türkischstämmige Männer eher gewalttätig sind.
Ich kann das nicht nachvollziehen.
Aber solche Studien gibt es.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass türkische Männer oder Muslime gewaltbereiter sind als andere.
In der SPÖ gibt es eine Kandidatin, die Kopftuch trägt: Das ginge in der Türkei nicht.
Das ist ein Zeichen der Normalität. Auch die ÖVP hat eine.
Aber offenbar nicht für Türken.
Aber wir sind nicht in der Türkei.
Für sehr gläubige Moslems ist es angenehmer, in Österreich als in der Türkei zu leben.
Ich habe mich als Moslem hier nie schlecht gefühlt.
In Wien sind laut Schätzungen mehr als 200.000 Menschen wahlberechtigt, die Migrationshintergrund haben. Alle Parteien versuchen, bei den Zuwanderern zu punkten. Die Meinungsforschungsinstitute Ifes und TrendCom erhoben im Juni 2010, wen Migranten wählen. Türken sind laut dieser Studie besonders SPÖ-fixiert. 78Prozent der türkischstämmigen Community würden die Sozialdemokraten wählen, nur 16 Prozent die Grünen, fünf Prozent die ÖVP und lediglich ein Prozent die FPÖ. Bei Wählern, die aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen (Serben, Bosnier, Kroaten), hat ebenfalls die SPÖ die Nase vorn. 56 Prozent tendieren zu ihr, zehn Prozent zu den Grünen, sechs Prozent zur ÖVP. Dass sich FP-Chef Heinz-Christian Strache seit vielen Jahren vor allem um serbischstämmige Wähler bemüht, trägt Früchte: 27 Prozent der Wähler aus dem ehemaligen Jugoslawien würden die FPÖ wählen. Migranten aus der Slowakei, Tschechien und Ungarn sind ebenfalls SPÖ-affin.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2010)

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