IZ-Begegnung" mit dem österreichischen Muslim Omar Al-Rawi

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28.09.2010 "IZ-Begegnung" mit dem österreichischen Muslim Omar Al-Rawi
Härter als in Österreich
http://www.islamische-zeitung.de/?id=13803
In Österreich agitieren rechtspopulistische Parteien schon seit längerem in recht drastischer Weise gegen Muslime. Im August nun hat die Äußerung der Innenministerin Maria Fekter, Toleranz sei „ein absolutes No-Go im Islam“, aufhorchen lassen, gehört diese doch der konservativen ÖVP an. Ist dies ein Zeichen für eine weitere Verschlechterung der Atmosphäre gegenüber Islam und Muslimen im Österreich? Die IZ sprach darüber mit Omar Al-Rawi. Er ist Abgeordneter des Wiener Landtags, Gemeinderat der Stadt Wien und Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ).
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Islamische Zeitung: In letzter Zeit scheinen sich die negativen Nachrichten aus Österreich zu häufen, was den Umgang mit Islam und Muslimen angeht, etwa die Äußerungen der Innenministerin Fekter. Ist es hier tatsächlich zu einer Verschlechterung der Atmosphäre gekommen?

Omar Al-Rawi: Man muss vorweg schicken, dass Österreich meiner Ansicht nach in Europa ein Musterland ist, was den Umgang mit Islam und Muslimen betrifft, aber auch hinsichtlich des Anerkennungsstatus und der rechtlichen Rahmenbedingungen. Der Islam ist anerkannt, die Islamische Glaubensgemeinschaft ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, wir haben seit 1982 islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Wir haben kein Kopftuchverbot, kein Schächtverbot, die muslimischen Rekruten im Bundesheer dürfen ihre Religion ausüben und es wird dort auch bald muslimische Seelsorge geben. Die Muslime in Deutschland dürften davon wohl träumen. Leider ist aber zu bemerken, dass die Islamfeindlichkeit als politisches Programm der rechten, populistischen Parteien hier auch eine sehr schlimme Tradition hat und einen Tiefpunkt in der politischen Kultur darstellt. Jeder Wahlkampf wird auf dem Rücken von Islam und Muslimen ausgetragen, und es ist zu bemerken, dass die Österreichische Volkspartei, die ÖVP, als christdemokratische Partei seit ein paar Jahren versucht, auch zum rechten Rand zu schielen und mit Law and Order und islamkritischen Äußerungen antimuslimische Ressentiments zu bedienen und in diesem Wählerbereich zu fischen.

Islamische Zeitung: Haben sich islam¬feindliche Äußerungen in der ¬Politik also auch über die rechts¬populistischen Parteien FPÖ und BZÖ hinaus verbreitet?

Omar Al-Rawi: Ich würde da nur von Teilen der ÖVP sprechen; man kann die Partei nicht pauschal verdächtigen, dies zu tun. Aber leider ist diese Kultur in Teilen der ÖVP, wenn auch nicht so schlimm und nicht in dieser Niveaulosigkeit wie bei der FPÖ, auch zu finden, und der Versuch, mit islam- und muslimkritischen Aussagen zu punkten. Es ist ja nicht nur die Aussage von Innenministerin Fekter; wir haben jetzt kürzlich die Forderung des ÖVP-Jugendkandidaten in Wien gehört, dass alle Predigten in den Moscheen nunmehr auf Deutsch gehalten werden müssten und die deutsche Sprache den Alltag der Muslime beherrschen solle. Das ist eindeutig ein Versuch, in Wahlkampfzeiten mit solchen Aussagen aufzufallen.

Islamische Zeitung: Es gibt eine aktuelle Umfrage, nach der eine Mehrheit der Österreicher Moscheen mit Minaretten ablehnt. Wie erklären Sie sich diese Stimmungslage?

Omar Al-Rawi: Ich glaube, es ist einfach Unwissenheit und Angst, die da mitschwingt. Ich denke, dass hier eine Stellvertreterdebatte im Gange ist, und dass das auch mit der historischen Entwicklung in Österreich und der Geschichte des Landes zusammenhängt. Die protestantische Kirche hat sehr viele Jahre gebraucht, bis sie einen Gleichwertigkeitsstatus erlangt hat. Erst im 18. Jahrhundert hat Kaiser Josef II. das Toleranzedikt erlassen, mit dem der evangelischen Kirche erlaubt wurde, Kirchen zu bauen. Ein solches Kirchengebäude musste aber vier Bedingungen erfüllen: Es durfte nicht wie eine Kirche aussehen, durfte keinen Turm und keine Glocke haben, und es durfte nicht von einer Hauptstraße aus zu betreten sein, sondern nur von einer Nebenstraße. Wenn man dies auf heute überträgt, so dürfen wir Moscheen bauen, sie sollen aber nicht wie eine Moschee aussehen, kein Minarett haben und anstelle der Glocke soll der Muezzin nicht rufen. Die meisten Gebetshäuser sind in Kellerlokalen, Hinterhöfen oder aufgelassenen Fabrikgebäuden untergebracht, was vergleichbar ist mit der Nichtbegehbarkeit von der Hauptstraße. Anscheinend braucht man hier etwas länger, um die Sichtbarkeit einer Minderheitenreligion gleichwertig zu akzeptieren. Wir müssen auch festhalten, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen, die für Muslime in Österreich sehr gut sind, noch lange nicht auch gesellschaftliche Akzeptanz bedeuten. Hier liegt auch an uns Muslimen und Musliminnen noch eine große Herausforderung, den Kampf um die Herzen der Menschen zu führen und zu gewinnen. Da muss von muslimischer Seite noch einiges passieren.

Islamische Zeitung: Sehen Sie die Debatten über Islam und Muslime in Deutschland und in Österreich auch miteinander verknüpft, zum Beispiel die aktuelle Diskussion über Sarrazin? Beeinflusst insbesondere die deutsche Debatte auch die österreichische?

Omar Al-Rawi: Ja, ich sehe leider aber nur negative Einflüsse. Karl Kraus hat einmal gesagt, das was Österreich von Deutschland unterscheide, sei unter anderem die gemeinsame Sprache. Und diese gemeinsame Sprache beschert uns immer wieder das Überschwappen von Publikationen, von Ansichten aus Deutschland nach Österreich. Wir haben sehr viele Begriffe wie Hassprediger, Leitkultur, Verfassungsfeindlichkeit und so weiter, die vorher in Österreich nicht bekannt waren und jetzt im politischen Diskurs verwendet werden; all diese Dinge, die in Deutschland diskutiert wurden und werden, kommen leider oft zu uns herüber. Wir haben im Unterschied zu Deutschland eine Kultur des Miteinanders und nicht der Konfrontation, und die muslimischen Aktiven und auch die Leute, die sich hier zu Wort melden, bauen viel mehr auf das Miteinander und das Brückenbauen. Sarrazin ist da nur ein Fall; wann immer es hier in Österreich eine Debatte gibt und man braucht eine sehr islamkritische Person, dann wird diese stets aus Deutschland importiert, sei es der Herr Raddatz, Bassam Tibi, Necla Kelek, Seyran Ates, Henryk M. Broder oder Herr Giordano. Diese Liste kann man weiter fortsetzen. Um hier in Österreich im Fernsehen oder in der Presse eine solche Debatte zu führen, werden solche kritischen Personen leider in der Regel aus Deutschland importiert.

Islamische Zeitung: Andererseits gibt es in Deutschland noch keine so starke rechtspopulistische Partei wie in Österreich... Die Situation der Muslime in Österreich galt ja bisher durch die bestehenden muslimischen Strukturen, Institutionen und die rechtlichen Rahmenbedingungen stets als besser im Vergleich zu Deutschland, so wie Sie es eben auch dargestellt haben. Sehen Sie das heute noch immer als eindeutig der Fall?

Omar Al-Rawi: Ich glaube, wo sich die deutsche Politik positiv hervorhebt, ist dass der politische Diskurs ein wenig anders ist. Ich kann mich nicht erinnern, im deutschen Bundestagswahlkampf irgendwelche antimuslimischen Plakate gesehen zu haben. Hier in Wien hatten wir Plakate wie „Pummerin statt Muezzin“ - die Pummerin ist die große Glocke des Stephansdoms -, wir hatten Plakate wie „Daham statt Islam“ oder „Abendland in Christenhand“. Und jetzt hatten wir die Debatte mit Wiener Blut, und in Graz hat eine FPÖ-Politikerin den Propheten Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, beleidigt und angegriffen. Diese Niveaulosigkeit habe ich in der deutschen Politik nicht verfolgen können. Andererseits verläuft ansonsten die ¬Debatte in Deutschland auf einem ¬härteren und kantigeren Niveau als in Österreich. Ich glaube, sowohl Deutschland als auch Österreich könnten ¬Positives voneinander abschauen und sich ergänzen. Was den Anerkennungsstatus anbelangt oder auch den Reli¬gionsunterricht, so könnte Deutschland diese Dinge von Österreich lernen; und die österreichische Politik könnte den niveauvolleren Umgang mit diesen ¬Themen aus Deutschland übernehmen. Ein Unterschied zu Deutschland ist auch der respektvollere Umgang hierzulande. Der österreichische Bundeskanzler gibt traditionell jedes Jahr im Ramadan ein Iftar-Essen, wo Vertreterinnen und Vertreter der Muslime im Bundeskanzleramt mit ihm und Vertretern aller religiösen Körperschaften, den christlichen Kirchen, der jüdischen Gemeinde und auch der Buddhisten, ein gemeinsames Iftar-Essen haben. Der Wiener Oberbürgermeister gibt seit acht Jahren ebenfalls ein Iftar im Wiener Rathaus. Und der österreichische Bundespräsident lädt seit sechs Jahren zum Ende des Fastenmonats Ramadan anlässlich des ‘Id Al-Fitr in der Hofburg, also den Sitz des Bundespräsidenten, zu einem Empfang. In Wien wurde vor zwei Jahren erstmals auch ein Platz nach einem Muslim benannt, der Muhammad-Asad-Platz., Und 2009 wurde erstmals ein ¬Islamischer Friedhof in Wien eröffnet. Es gibt also seitens des offiziellen Österreichs sehr schöne, positive Zeichen, um auf die Muslime zuzugehen.

Islamische Zeitung: Sehen Sie auch Wechselwirkungen zwischen Österreich und der Schweiz, wenn man an die dortige Debatte etwa um die Volksabstimmung über Minarette denkt und die dortigen populistischen Aktivitäten gegen Muslime?

Omar Al-Rawi: Diese Anti-Minarett-Debatte in Österreich ist sichtlich auch von dem Herrn Blocher aus der Schweiz kopiert und ebenso nach Österreich importiert worden. Wie gesagt, uns verbindet die gemeinsame deutsche Sprache, und wenn ein Rechtspopulist in Österreich, wie ein Herr Strache, googelt, dann tut er sich eben leicht, Dinge abzuschauen. Die FPÖ hatte ja auch sehr stark mit mobilisiert für die Anti-Moschee-Demonstration in Köln und sich mit einer Abordnung beteiligt. Seitdem hat man angefangen, auch in Österreich gegen geplante Gebetshäuser zu mobilisieren und zu demonstrieren. Ich glaube schon, dass diese negativen Entwicklungen sich durchaus viel voneinander abschauen und sich gegenseitig befruchten. Wenn man etwas gegen den Islam zitieren will, sucht man sich halt all diese vorhin erwähnten Leute, von ¬Henryk M. Broder bis Necla Kelek, und die werden dann hier verwendet.

Islamische Zeitung: Hat denn auch die Kritik an der IGGiÖ als der zentralen Vertretung der österreichischen Muslime zugenommen?

Omar Al-Rawi: Diese Angriffe kommen zum einen aus einer kleinen innermuslimischen Minderheit, im Grunde ¬lediglich immer die gleichen vier, fünf Personen, welche die Glaubensgemeinschaft immer wieder angreifen, weil sie der Meinung sind, dass sie sich dadurch profilieren und mediale Präsenz erreichen können. Wir leben eben mit einer Medienberichterstattung, bei der auch immer wieder kritische Stimmen zu Wort kommen sollen, und dann bekom¬men diese Kritiker überproportional Raum, mehr als sie eigentlich substanziell zu sagen haben. Und zum anderen, wenn sich die ¬IGGiÖ gesellschaftspolitisch positioniert, wird sie natürlich hier und da auch von den Populisten angegriffen, indem man versucht, die Legitimität dieser Institution in Frage zu stellen. Islamische Zeitung: In Deutschland gibt es keine vergleichbare zentrale Vertretung der Muslime wie die IGGiÖ, welche sicher viele Vorteile hat. Kann auf der anderen Seite eine Fokussierung auf eine einzelne, zentrale Organisation auch Nachteile haben, behindert sie etwa einen gesunden Pluralismus oder eine lebendige innermuslimische Debatte?

Omar Al-Rawi: Eine einzige Glaubensgemeinschaft zu haben, hat immens viele Vorteile. Erstens gegenüber dem Staat und den Institutionen, die wissen, sie haben einen Ansprechpartner. Zweitens „zwingt“ sie - in Anführungszeichen - die Muslime und deren Verbände, alle an einem Tisch zu sitzen und sozusagen ein Mindestmaß an Konsens untereinander zu erreichen. Und diese zentrale Stelle ist ja keine zentrale Stelle in dem Sinn, sondern sie beherbergt unter ihrem Dach alle nennenswerten und wichtigen muslimischen Verbände. Dazu gehört etwa die ATIB, welche der deutschen DITIB entspricht, oder das, was in Deutschland unter Islamrat, Zentralrat der Muslime fungiert, die Bosniaken, die arabischen Muslime, die Pakistaner und Bengalis, und die Schiiten; alle Verbände sind hier in einer Dachorganisation gemeinsam organisiert. Die Glaubensgemeinschaft ist nicht ein Verein oder Verband, sondern eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, vergleichbar der Israelitischen Kultusgemeinde oder der Katholischen und Evangelischen Kirche; eine Kirchenorganisationsstruktur. Die Pluralität und Verschiedenartigkeit ist garantiert, weil alle in den Gremien der IGGiÖ zusammensitzen. Es gibt eine Wahl, die jetzt gerade wieder ausgeschrieben wird, an der alle Verbände teilnehmen, und so werden sie gemäß ihrer Stärke und ihrer Mitgliederzahl in der Glaubensgemeinschaft das Sagen haben.

Islamische Zeitung: Herr Al-Rawi, vielen Dank für das Gespräch.

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