Streit-Gespräch: Herrschaftssymbol Minarett? Baghajati/Strache

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Streit-Gespräch: Herrschaftssymbol Minarett?

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FPÖ-Chef H.-C. Strache und Carla Baghajati von der Islamischen Glaubensgemeinschaft über Islamismus, Scharia und neue Moscheen 

Glaubensfrage Minarett-Verbot:Carla Amina Baghajati und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache im KURIER-Streitgespräch über den Islam, christliche Werte und Hassprediger. 
Sind Minarette eindeutige Hoheitszeichen? Soll ihr Bau auch in Österreich verboten werden? 
Für den KURIER trafen einander FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und die Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Carla Amina Baghajati, im Parlament, um auf neutralem Boden das Minarett-Verbot zu diskutieren.


KURIER: Herr Klubchef, nach dem Nein der Schweizer zu Minaretten haben Sie von einer "Vorbildwirkung" gesprochen. Was heißt das?
Heinz-Christian Strache: Zum einen ist die Schweiz Hort der direkt gelebten Demokratie, wo im Unterschied zu Österreich die Bevölkerung direkt in wichtige politische Entscheidungen eingebunden wird. Zum anderen war die Volksabstimmung keine über die Religionsfreiheit. Die Schweizer haben nur festgehalten, dass man Glaubensfreiheit auch ohne Minarett und Muezzin leben kann. 
Carla Amina Baghajati: Einspruch! Selbstverständlich geht es um Religionsfreiheit. Ein Minarett ist kein Herrschaftssymbol, sondern - wie ein Kirchturm - ein Ausdruck der Würde eines Gebetshauses. Das dreist umdeuten zu wollen, halte ich für eine grobe Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten. 
Strache: Dass das Minarett ein Herrschafts- und Siegessymbol des Islam gegenüber dem Christentum ist, ist dokumentiert und wird auch vom Ministerpräsident der Türkei offen angesprochen. Erdogan hat erklärt, Moscheen sollten Kasernen und Minarette symbolische Bajonette sein. Diese Aussage ist bis heute unwidersprochen. 
Baghajati: Bitte vermischen wir doch die Dinge nicht.
Sie arbeiten mit Feindbildern und einer verkürzten Wahrnehmung, sie setzen auf die Ängste - und schüren sie durch Schein-Argumente. 
Strache: Das ist nicht der Fall! In Österreich wird Religionsfreiheit gelebt, in der Türkei unterliegen neue Kirchen einem Bauverbot. 

"Ein sichtbares Minarett sagt: Kommt her, wir haben nichts zu verbergen." Carla Amina Baghajati
Streben Sie auch für Österreich ein Minarett-Verbot an? 
Strache: Wir haben in Vorarlberg und Kärnten eine Bauordnung, die den Bau von Minaretten de facto unmöglich macht. Das ist eine Anleitung, wie man auf Bundesebene sicherstellen kann, dass man in Zukunft nicht über die Bevölkerung drüberfahren kann.
Baghajati: Wie oft wurde den Muslimen vorgeworfen: Ihr versteckt Euch, weil ihr etwas zu verstecken habt! Eine sichtbare Moschee ist eine Einladung, ein Minarett sagt: Kommt her, wir haben nichts zu verbergen. 
Strache: Und doch stellen manche die Scharia und den Koran über westliche Werte. Wenn wir von Religionsfreiheit reden, heißt das auch, dass der Einzelne vor religiösem Fanatismus geschützt wird.
Baghajati: Sie wollen eine Unvereinbarkeit der islamischen Theologie und europäischer Werte konstruieren. Im islamischen Religionsunterricht zum Beispiel ist es wichtig, dass der Diskurs angeregt wird, zu reflektieren: Wo steht die Religion - und wo steht die Tradition im Widerspruch zur Religion? Zwangsheirat, Beschneidung und Ehrenmord sind unislamisch. Wir haben auf dem Boden des Islam die besten Argumente, um diese Dinge aktiv anzugehen. Es macht mir Sorge, wie durch die Politik der FPÖ das Gegenteil passiert. 



"Moslems müssen ein Zeichen setzen und auf Minarette verzichten." Heinz-Christian Strache FPÖ-Chef'
Kann man Fehlentwicklungen im Islam nicht diskutieren und Minarette trotzdem zulassen? 
Strache: Nicht der Glaube ist das Problem, sondern der politische Missbrauch.
Baghajati: Aber wem werfen sie das in Österreich vor?
Strache: Wir erleben in Österreich, dass Parallelgesellschaften entstehen und dass in diesen der Islam eine Radikalisierung erfährt. Die Moslems in Österreich müssen ein Zeichen der Integration setzen und sagen, dass man auf das Minarett verzichtet. 
Baghajati: Der Generalverdacht, den die FPÖ gegenüber den Muslimen nährt, ist problematisch. Wer in einer österreichischen Moschee Hass predigt, der wird von der Gemeinde von der Kanzel entfernt. 
Strache: Mich interessiert: Steht die Scharia über der österreichischen Verfassung - Ja oder Nein?
Baghajati: Moment! Ist es gescheit zu fragen, ob Vater oder Mutter wichtiger sind? Bibel oder Verfassung?
Strache: Die zehn Gebote sind in der Verfassung verankert. Du sollst nicht töten. . .
Baghajati: Dankeschön! Das kann ich nur unterstreichen: Die zehn Gebote finden Sie auch im Koran. Was wir an Werten teilen, ist stark genug, um eine Gesellschaft zum Wohl aller zu tragen. Ich fühle mich in Österreich auch darum so wohl, weil wir eine wunderbare Balance gefunden haben zwischen Staat und Religion. Es ist kein Entweder - Oder: Man kann seinen Glauben ja nicht am Hutständer abgeben.
Strache: In Europa sind wir christlich geprägt. Genauso wie ich die Missionierung des Christentums im Morgenland in grauen Vorzeiten verurteile, verurteile ich das umgekehrt. 
Baghajati: Wollen Sie damit sagen, dass wir Muslime eine Missionierung betreiben wie damals die Kolonialherren?
Strache: Es gibt bei Zuwanderern Gedankenmuster, über die man sich nur wundern kann. Und natürlich ist der Islam historisch nicht in Wien beheimatet. Wir wollen nicht erleben, dass wir zu einer Minderheit im eigenen Land werden. Das ist auch ein Signal für ganz Europa, das von der Schweizer Abstimmung ausgeht.
Baghajati: Das, was hier läuft, dieses gegeneinander Ausspielen, ist Zeichen einer Identitätskrise in Europa. Wofür stehen wir, was sind unsere Werte? Es ist immer leichter, zu sagen: So sind wir nicht wie diese Muslime. 
Artikel vom 01.12.2009 21:00 | KURIER | Christian Böhmer und Philipp Hacker 

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