Wiener Zeitung - "Migranten fehlt ein Netzwerk"

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Omar Al-Rawi von der Wiener SPÖ zur Integration
"Migranten fehlt ein Netzwerk"

 
"Migranten sind keine Konkurrenten". Foto: Urban

Al-Rawi: "Chancen sind nicht gleich". 
Der gebürtige Iraker und Gemeinderat im "WZ"-Gespräch.

"Wiener Zeitung": SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas will, dass islamische Frauen das Kopftuch ablegen. 

Omar Al-Rawi: Ich kenne Frau Rudas jahrelang als Sitznachbarin im Landtag und schätze sie daher sehr. Deshalb war ich über ihre Aussage in Inhalt und Form zunächst irritiert und führte am nächsten Tag ein längeres Gespräch mit ihr. Wir einigten uns darauf, dass ein Kopftuchverbot nicht zielführend ist, und dass wir Muslime inkludieren, nicht diskriminieren sollen.
In einer großen Partei wie der SPÖ gibt es verschiedene Meinungen. Aber aus drei Gründen sehe ich die Anliegen der Muslime hier am besten aufgehoben: Der Einsatz für soziale Schwache, der tolerante Umgang mit Minderheiten, und das Eintreten für Friedenssicherung und Neutralität, was gerade die Herkunftsländer vieler Muslime betrifft.
* Zwei Drittel der Jugendlichen, die zum Arbeitsmarktservice kommen, haben
Migrationshintergrund. Warum? *
Tatsächlich? Oft fehlt die Qualifikation, weil keine Chancengleichheit besteht. Gerade in Österreich funktioniert der Aufstieg oft über Netzwerke, die Migranten nicht haben. Ich habe schon einigen einen Ferialjob verschafft. Dann fehlen auch Berater, die Migranten eine Ausbildung für Pflegeberufe nahelegen könnten, weil hier die Chancen viel besser sind als etwa bei Friseuren, wo es schon so viele Lehrlinge gibt. Bei Firmengründungen berät die Wiener Wirtschaftskammer bereits tatkräftig Personen mit ethnischer Zugehörigkeit. Im Geschäftsleben funktioniert Integration am besten: Personen, die miteinander Handel treiben, bekämpfen einander nicht. Migranten haben auch Nischen besetzt, etwa bei der Nahversorgung: Ohne sie würde der Naschmarkt aussterben. Migranten sind hier keine Konkurrenten.
Österreich erntete oft Lob für seinen Umgang mit dem Islam. Doch anderswo sind Muslime erfolgreicher und die FPÖ konnte mit anti-islamischen Slogans punkten. 
Sicher sind uns die angelsächsischen Länder bei der Integration voraus. Aber in Österreich ist der Islam als Religion anerkannt. Die Integration der Rekruten beim Heer, der Islamunterricht in deutscher Sprache, keine Kopftuch-und Schächtungsverbote – für Juden wie Muslime – sind schon ein Modell.
Das größte Problem ist: 80 Prozent der Migranten sind nicht in die Mittelschicht aufgestiegen. Deshalb sind Muslime leicht am Aussehen erkennbar. In einer weltpolitisch ungünstigen Lage ist es da leicht, plakative Aussagen zu machen. Auch in der Schweiz, den Niederlanden und Belgien konnten Rechtspopulisten mit islamfeindlichen Sprüchen punkten. Wenn aber die FPÖ übertrieben hat – wie Susanne Winter in Graz – bekam sie weniger Stimmen. Mit dem Slogan "Abendland in Christenhand" erreichte die FPÖ bei der EU-Wahl nur den vierten Platz. Man soll schon genau hinsehen.
Was sind die Herausforderungen des Islam in Europa? 
Der Islam als dynamische Religion hat immer nach Antworten auf die jeweiligen Umstände gesucht. Deshalb ist er so vielfältig. Muslime haben als Minderheit in Europa spezifische Herausforderungen, ob nun Euthanasie, Wissenschaft, Organspenden, Klonen oder das Zinsverbot. Auch Traditionalisten können auf Dauer nicht nur erklären, was frühere Gelehrte sagten, sondern müssen praktische Antworten geben.
Printausgabe vom Samstag, 21. November 2009


Original Interview ohne Kürzung:

 Wiener Zeitung: Ihre Parteikollegin Laura Rudas erklärte jüngst: „Ziel muss sein, die Kopftücher abzuwerfen." Was sagen Sie als Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft zu dieser Aussage?


Al Rawi: Ich kenne Frau Rudas jahrelang als Sitz Nachbarin im Landtag und schätze sie daher sehr. Deshalb war ich über ihre Aussage zunächst im Inhalt und Form sehr irritiert und habe am nächsten Tag ein längeres Gespräch mit ihr geführt. Wir einigten uns darauf, dass ein Kopftuchverbot nicht zielführend ist, und dass wir Muslime inkludieren, nicht diskriminieren sollen. Auch wenn wir im Zugang zu Religion verschiedene Meinungen haben, sind für uns Verbote kein Thema.

Sie haben bereits in der Vergangenheit das Kopftuch verteidigt. Denken Sie, dass die SPÖ Ihre Meinung teilt?

In einer großen Partei wie der SPÖ gibt es natürlich verschiedene Meinungen. Einigkeit besteht darin, dass wir Muslime in Wien integrieren und einbinden wollen. Chancengleichheit, Diversität und Vielfalt sind unsere Werte. Wichtig ist nicht, was jemand auf dem Kopf hat, sondern was er im Kopf hat. Investieren müsste man deshalb in Bildung, damit Muslime aus der Armutsfalle rauskommen. Wenn eine Muslimin in die Mittelschicht aufsteigt, bekommt das Kopftuch nicht mehr diese Beachtung. 

Manche Mädchen tragen bereits in Volksschule und Kindergarten ein Kopftuch, obwohl selbst der Islam das Kopftuch erst für die Geschlechtsreife vorsieht. Sollte man hier nicht einschreiten?
Ich bin kein Anhänger von Verboten, sondern suche den Weg des Gesprächs. Ich konnte schon einmal einen Vater davon überzeugen, dass ein Kopftuch in so jungen Jahren der Entwicklung seiner Tochter nicht dient. Hier wäre Überzeugungsarbeit von öffentlichen Institutionen wichtig. Übrigens ist es auch wünschenswert, dass Muslime öffentliche Schulen und nicht Privatschulen besuchen. Will aber die Berechtigung von Privatschulen nicht in Frage Stellen.

Stichwort Bildung: Laut einer Studie von KMU Forschung Austria haben zwei Drittel aller Jugendliche, die sich an das Arbeitsmarktservice wenden, Migrationshintergrund. Was läuft da falsch?

Ist das tatsächlich so? Oft fehlt die Qualifikation, weil keine Chancengleichheit besteht. Gerade in Österreich funktioniert der Aufstieg besonders gut über Netzwerke, und die fehlen den Migranten. Ich habe schon öfters Migranten einen Ferialjob verschafft. Was hätten die ohne mich getan? 

Sie meinen Netzwerke zur Jobbeschaffung?

Auch! Aber Ich meine die oft fehlenden Berater und Mentoren. Es gibt etwa hohen Bedarf an Arbeitskräften im Gesundheitsbereich. Berater könnten Migranten eine Ausbildung für einen Pflegeberuf nahe legen, weil hier bessere Chancen bestehen. Wenn ich mir hingegen anschaue, wie viele Friseurlehrlinge es gibt, muss ich sagen: So viele Friseure werden wir nie brauchen. 

Könnte die Politik bessere Rahmenbedingungen für Migranten schaffen zur Gründung von Unternehmen?

Die Wiener Wirtschaft tut schon sehr viel. Die Wirtschaftskammer berät gerade Personen mit ethnischem Hintergrund bei Firmengründungen. In der Wirtschaft und im Geschäftsleben funktioniert die Integration am besten. Personen, die miteinander Handel treiben, haben miteinander nie Krieg geführt, weil für beide Seiten eine Win-Win-Situation besteht. In der Wirtschaft haben Migranten Nischen besetzt, etwa bei der Nahversorgung. Ohne Migranten würde der Naschmarkt aussterben. Im Gegensatz zu bereits gewachsenen Strukturen sind Migranten hier keine Konkurrenten. Für die Exportwirtschaft ist sicher die Mehrsprachigkeit der Schlüssel zum Erfolg und ein Vorteil. 

Sie sagten oft, Österreichs Umgang mit dem Islam sei ein „Modell für Europa“. Warum eigentlich? In anderen Ländern sind Muslime teils besser integriert und erfolgreicher.

Sicher sind uns die angelsächsischen Länder hier voraus. Aber der Annerkennungsstatus, die Integration der Rekruten beim Heer, der islamische Religionsunterricht in deutscher Sprache, keine Kopftuchverbote und auch keine Schächtungsverbote – für Juden wie Muslime – sind schon ein Modell.

Andererseits war gerade hier die FPÖ mit Slogans wie „Daham statt Islam“ besonders erfolgreich. 

Das größte Problem ist, dass 80 Prozent der Migranten nicht den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft haben. Wäre die Hälfte in der Mittelschicht, wäre die Situation anders. Muslime erkennt man so leicht am Aussehen, die weltpolitische Lage ist ungünstig. Da kann man leicht plakative Aussagen zur Fremdenpolitik machen. Auch die Schweizer Rechtspopulisten haben erfolgreich die islamfeindliche Fahne geschwungen, ebenso Geert Wilders in den Niederlanden oder der Vlaams Block in Belgien. In Deutschland war der Islam bei der letzten Wahl freilich kein Thema. Die Freiheitlichen haben immer Feindbilder gebraucht, ob die Arbeiterkammer, die EU, oder die Muslime. Wenn sie aber übertrieben haben – wie Susanne Winter in Graz – haben sie weniger Stimmen gekriegt. Mit dem Slogan „Abendland in Christenhand“ erreichte die FPÖ bei der EU-Wahl nur den vierten Platz. Man soll schon genau hinsehen.

Sehen Sie spezielle Herausforderungen für den Islam in Europa?

Der Islam ist eine dynamische Religion, die immer versucht hat, Antworten auf die jeweilige Umstände zu geben. Deshalb ist er so vielfältig. Muslime haben als Minderheit in Europa andere Herausforderungen. Das reicht von der Wissenschaft bis zur Euthanasie, von der Organspende bis zum Klonen, oder auch dem Zinsverbot in der Wirtschaft. Darauf wird man Antworten finden müssen. Orthodoxe Muslime und Traditionalisten können auf Dauer nicht nur erklären, was Gelehrte im 14. Jahrhundert gesagt haben. Sie müssen praktische Antworten finden.

Sie sind als „Kandidat der Muslime“ bei der Wahl angetreten. Warum sehen Sie die Anliegen eines Moslems gerade bei der SPÖ gut aufgehoben?

Darauf gebe ich Muslimen immer drei Antworten: Erstens sind im Parteiprogramm Gratisbildung, keine Zwei-Klassenmedizin und das Eintreten für soziale Schwache zentral. Das betrifft gerade Muslime, die in der Armutsfalle sind und großteils nicht zur Großindustrie gehören. Zweitens ist es der Umgang der SPÖ mit Minderheiten:  Sie ist tolerant, spricht mit den Anderen auf Augenhöhe und nicht von oben herab. Und dann die Weltpolitik: Tritt die SPÖ für Friedenssicherung und Neutralität ein, oder fordert sie einen Nato-Beitritt? Das betrifft Muslime, die eine Bindung an ihre Herkunftsländer haben. Gerhard Schröder (SPD) hat sich im Gegensatz zu Edmund Stoiber (CDU) klar gegen den Irakkrieg ausgesprochen. Das war bei der Wahl sicher auch maßgeblich. Bei Entwicklungshilfe und Entschuldung der ärmsten Länder bestehen am meisten Gemeinsamkeiten mit der SPÖ. 

Darauf gebe ich Muslimen immer drei Antworten: Erstens sind im Parteiprogramm Gratisbildung, keine Zwei-Klassenmedizin und das Eintreten für soziale Schwache zentral. Das betrifft gerade Muslime, die in der Armutsfalle sind und großteils nicht zur Großindustrie gehören. Zweitens ist es der Umgang der SPÖ mit Minderheiten:  Sie ist tolerant, spricht mit den Anderen auf Augenhöhe und nicht von oben herab. Und dann die Weltpolitik: Tritt die SPÖ für Friedenssicherung und Neutralität ein, oder fordert sie einen Nato-Beitritt? Das betrifft Muslime, die eine Bindung an ihre Herkunftsländer haben. Gerhard Schröder (SPD) hat sich im Gegensatz zu Edmund Stoiber (CDU) klar gegen den Irakkrieg ausgesprochen. Das war bei der Wahl sicher auch maßgeblich. Bei Entwicklungshilfe und Entschuldung der ärmsten Länder bestehen am meisten Gemeinsamkeiten mit der SPÖ.

Der Islam ist eine dynamische Religion, die immer versucht hat, Antworten auf die jeweilige Umstände zu geben. Deshalb ist er so vielfältig. Muslime haben als Minderheit in Europa andere Herausforderungen. Das reicht von der Wissenschaft bis zur Euthanasie, von der Organspende bis zum Klonen, oder auch dem Zinsverbot in der Wirtschaft. Darauf wird man Antworten finden müssen. Orthodoxe Muslime und Traditionalisten können auf Dauer nicht nur erklären, was Gelehrte im 14. Jahrhundert gesagt haben. Sie müssen praktische Antworten finden.

Das größte Problem ist, dass 80 Prozent der Migranten nicht den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft haben. Wäre die Hälfte in der Mittelschicht, wäre die Situation anders. Muslime erkennt man so leicht am Aussehen, die weltpolitische Lage ist ungünstig. Da kann man leicht plakative Aussagen zur Fremdenpolitik machen. Auch die Schweizer Rechtspopulisten haben erfolgreich die islamfeindliche Fahne geschwungen, ebenso Geert Wilders in den Niederlanden oder der Vlaams Block in Belgien. In Deutschland war der Islam bei der letzten Wahl freilich kein Thema. Die Freiheitlichen haben immer Feindbilder gebraucht, ob die Arbeiterkammer, die EU, oder die Muslime. Wenn sie aber übertrieben haben – wie Susanne Winter in Graz – haben sie weniger Stimmen gekriegt. Mit dem Slogan „Abendland in Christenhand“ erreichte die FPÖ bei der EU-Wahl nur den vierten Platz. Man soll schon genau hinsehen.

Sicher sind uns die angelsächsischen Länder hier voraus. Aber der Annerkennungsstatus, die Integration der Rekruten beim Heer, der islamische Religionsunterricht in deutscher Sprache, keine Kopftuchverbote und auch keine Schächtungsverbote – für Juden wie Muslime – sind schon ein Modell.

Die Wiener Wirtschaft tut schon sehr viel. Die Wirtschaftskammer berät gerade Personen mit ethnischem Hintergrund bei Firmengründungen. In der Wirtschaft und im Geschäftsleben funktioniert die Integration am besten. Personen, die miteinander Handel treiben, haben miteinander nie Krieg geführt, weil für beide Seiten eine Win-Win-Situation besteht. In der Wirtschaft haben Migranten Nischen besetzt, etwa bei der Nahversorgung. Ohne Migranten würde der Naschmarkt aussterben. Im Gegensatz zu bereits gewachsenen Strukturen sind Migranten hier keine Konkurrenten. Für die Exportwirtschaft ist sicher die Mehrsprachigkeit der Schlüssel zum Erfolg und ein Vorteil.

Auch! Aber Ich meine die oft fehlenden Berater und Mentoren. Es gibt etwa hohen Bedarf an Arbeitskräften im Gesundheitsbereich. Berater könnten Migranten eine Ausbildung für einen Pflegeberuf nahe legen, weil hier bessere Chancen bestehen. Wenn ich mir hingegen anschaue, wie viele Friseurlehrlinge es gibt, muss ich sagen: So viele Friseure werden wir nie brauchen.

Ist das tatsächlich so? Oft fehlt die Qualifikation, weil keine Chancengleichheit besteht. Gerade in Österreich funktioniert der Aufstieg besonders gut über Netzwerke, und die fehlen den Migranten. Ich habe schon öfters Migranten einen Ferialjob verschafft. Was hätten die ohne mich getan?

In einer großen Partei wie der SPÖ gibt es natürlich verschiedene Meinungen. Einigkeit besteht darin, dass wir Muslime in Wien integrieren und einbinden wollen. Chancengleichheit, Diversität und Vielfalt sind unsere Werte. Wichtig ist nicht, was jemand auf dem Kopf hat, sondern was er im Kopf hat. Investieren müsste man deshalb in Bildung, damit Muslime aus der Armutsfalle rauskommen. Wenn eine Muslimin in die Mittelschicht aufsteigt, bekommt das Kopftuch nicht mehr diese Beachtung.

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