Kurier - Tariq Ramadan "Du bist, was du gibst"

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ntegration: Islamwissenschaftler Tariq Ramadan über österreichische

Muslime, mangelnde Visionen der Politik und Zinédine Zidane

"Du bist, was du gibst" 

Mehr Selbstbewusstsein, aber auch regere Beteiligung am gesellschaftlichen Leben in Österreich fordert Tariq Ramadan von den Muslimen in Österreich. Der prominente Islamwissenschaftler, den das Time Magazine als eine der 100 wichtigsten Persönlichkeiten des 21. Jahrhunderts lobte, im Interview. 
KURIER:In der Schweiz wird derzeit heftig Stimmung gegen den Bau von Moscheen gemacht. Ist die Schweiz islamophob?
 Tariq Ramadan: Man zielt auf ein Symbol der muslimischen Präsenz - im Fall der Schweiz die Minarette - und hat eigentlich die Muslime im Visier. Aber das ist ein europäisches Phänomen. Die Leute in der Schweiz oder Österreich sind keine Rassisten, sondern haben Angst - Angst vor Immigranten, Angst, die eigene Identität zu verlieren, Angst vor einer neuen Religion und deren Sichtbarkeit.
 Hat ein Muslim in Europa so wenig sichtbar wie möglich zu sein?
 Es gibt eine neue Sichtbarkeit von Muslimen. Das sind die Moscheen, die Kopftücher, manchmal die Hautfarbe. Ich sage es immer und immer wieder: Wir müssen die Ängste der Menschen ernst nehmen. Aber mit den rechten Parteien zu reden, macht wenig Sinn. Sie instrumentalisieren diese Ängste. Muslime müssen eine Entscheidung treffen. Wollen sie sichtbar sein und damit ärgern oder wollen sie sichtbar sein, um für die Gesellschaft etwas beizutragen? Muslime müssen ihre Präsenz normalisieren. In den Köpfen der Menschen ist noch nicht angekommen, dass die Präsenz von Muslimen in Österreich etwas anderes ist als die Präsenz österreichischer Muslime. Ihr habt jetzt Muslime, das ist eine Tatsache.
 Wie kann man den Ängsten entgegentreten?
 Die Verantwortung liegt bei den gemäßigten Parteien. Sie repräsentieren ein Österreich, das sich verändert hat. Ich frage mich: Wenn die Rechten die ganze Aufmerksamkeit an sich reißen und die Türme von Minaretten als Raketen darstellen, wie lautet dann die Antwort der anderen Parteien? Sie brauchen eine Vision für die Zukunft, sie müssen den Raum für Vertrauensbildung und Kommunikation öffnen. Es kann nicht die einzige Antwort der Parteien sein, mit der extremen Rechten nicht zu reden.
 Integrieren sich muslimische Zuwanderer schwerer als andere Migranten?
 Man darf soziale Probleme nicht "islamisieren" - Arbeitslosigkeit, Rassismus, Marginalisierung. Wir können nicht sagen, dass wir es mit Problemen des Islam zu tun haben, wenn es eigentlich um Arbeitslosigkeit geht. Die einen Immigranten sind nicht besser als die anderen, es gibt keinen islamischen Faktor, der Integration erschwert.
 Wird Muslimen die Integration schwerer gemacht als anderen?
 Es gibt in muslimischen Gemeinschaften eine Opfer-Mentalität. Das mag ich gar nicht. Wenn man auf dieser Mentalität beharrt, kann man nicht für seine Rechte eintreten. Und man muss seine Bürgerrechte einfordern, aber auch seine Pflichten erfüllen und den Gesetzen des Landes gehorchen. Wir müssen noch viel besser lernen, was es bedeutet, Staatsbürger zu sein. Es heißt nicht, sich integrieren - die zweite Migrantengeneration ist es - es heißt vielmehr beitragen, aktiv sein. Nehmen wir Zinédine Zidane. Er ist eine Fußballikone, und niemand fragt ihn: Woher kommst du? - weil er für das französische Team etwas beitrug. Man soll beitragen, indem man zeigt: Wir verfolgen gemeinsam ein Ziel. Auf lokaler Ebene, in Schulen, der Nachbarschaft, den Gemeinden, geht das leicht: Du bist, was du gibst.
 Warum gibt es so wenige Muslime in der österreichischen Politik?
 Das ist nur eine Frage der Zeit. Österreich hat erst einen muslimischen Abgeordneten im Parlament, in Frankreich haben wir schon drei Minister. Der Prozess ist im Gang.
 Warum haben ausgerechnet männliche Jugendliche der zweiten Migrantengeneration so viele Probleme, sich zu integrieren?
 In muslimischen Familien gibt man den Buben sehr viel Freiheit, während man die Mädchen streng erzieht. Wenn zehnjährige Buben bis Mitternacht draußen Fußball spielen, wie sollen sie dann am nächsten Tag in der Schule lernen? Deshalb müssen wir die Mütter einbeziehen und ihnen klar machen: Übergebt nicht die ganze Autorität dem Ehemann und lasst den Jungen vollkommen freie Hand. Anstatt also die Buben zu kritisieren, muss man an der Struktur der Familien arbeiten. Das ist natürlich heikel.
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Zur Person: Tariq Ramadan
Prominente Familie Tariq Ramadan (47) ist der Enkel des legendären Gründers der ägyptischen, streng orthodoxen Muslimbruderschaft, Hassan al-Banna. Die Familie flüchtete in die Schweiz, wo Ramadan aufwuchs und studierte. Der erfolgreiche Buchautor, Denker und Universitätsprofessor gilt als Vertreter des europäischen, moderaten Islam. Stilbewusst, elegant gekleidet und extrem eloquent wird der vierfache Vater zuweilen als "Popstar unter den Islamwissenschaftlern" bezeichnet.
Einreiseverbot In sieben muslimische Länder darf Ramadan wegen seiner Diktatur-kritischen Haltung nicht einreisen. Auch die Bush-Regierung verwehrte ihm die Einreise: Ab Dezember ist der Weg in die USA für ihn wieder offen.

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