Der Standard - Islam Studie - "Es ist Feuer am Dach"

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29. Jänner 2009, 18:15


"Es ist Feuer am Dach"


Erst verschweigen, dann lavieren: Auch Muslime üben am Krisenmanagement ihres Oberhaupts Anas Schakfeh in der jüngsten Islamdebatte Kritik

Rund 400.000 Muslime leben in Österreich. Doch wie viele fühlen sich von "ihrem" Präsidenten Schakfeh tatsächlich vertreten?

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In der islamischen Community brechen unterschwellige Konflikte auf. 

Wien - "Das ist ein Armutszeugnis für die Glaubensgemeinschaft" : Omar Al-Rawi geht mit seinen Glaubensbrüdern hart ins Gericht. "Sie hätte selbst an die Öffentlichkeit gehen müssen, statt hinterher zu hinken" , sagt er. Und zu "beschönigen" gebe es schon gar nichts: "Die Ergebnisse sind schockierend. Es ist Feuer am Dach."

Al-Rawi ist kein wadlbeißender Außenseiter, sondern Integrationssprecher der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ). Worüber er sich echauffiert, ist der Umgang mit jener Studie, laut der ein rundes Viertel der muslimischen Religionslehrer Demokratie und Menschenrechte ablehnt. Obwohl die Resultate ihnen schon länger bekannt sein müssen, haben die Verantwortlichen geschwiegen. Als sie doch noch publik wurden, lavierte Präsident Anas Schakfeh herum. Folge: In der Community scheinen nun unterschwellige Konflikte aufzubrechen. Es geht um Kritikfähigkeit, Machtkämpfe und demokratische Reformen.

Mittwochabend im Kunstzentrum Depot in Wien-Neubau. Die Präsentation eines Buches der über die Glaubensgemeinschaft erfreut sich über unerhofften Zulauf. Während Al-Rawi auf dem Podium seine Kritik loswird, lauschen andere muslimische Vertreter im Publikum mit skeptischem Blick. Mouddar Khouja, Referent Schakfehs, meldet sich zu Wort. "Manche sind in Österreich nicht angekommen" , räumt er ein, um im nächsten Atemzug aber die Wissenschaftlichkeit der Studie in Zweifel zu ziehen. Tarafa Baghajati, ein anderer prominenter Repräsentant der Gemeinde, ergänzt nach einleitender Klage über den "Skandaljournalismus" : "Die Fragen in der Studien suggerieren die Antworten." Da schaltet sich die Politologin Sieglinde Rosenberger ein - und attestiert der umstrittenen Arbeit einwandfreie Qualität.


Kaum ein Muslim zahlt 

Die Enthüllungen sind für die Glaubensgemeinschaft auch deshalb unangenehm, weil der Religionsunterricht zu den wenigen Bereichen zählt, wo sie direkt Einfluss ausüben kann. Alle Gläubigen vertritt die IGGiÖ nur in den Augen des Gesetzes. Tatsächlich haben viele der 400.000 Muslime mit ihr wohl noch nie Kontakt gehabt. Wer Muslim werden will, muss sich nirgends registrieren lassen, sondern "nur" ein Bekenntnis ablegen. Lediglich ein Bruchteil zahlt Mitgliedsbeiträge an die IGGiÖ. Buchautorin Maja Sticker ("Sondermodell Österreich?" , Verlag dravaDiskurs) kam bei ihrer Recherche auf die Zahl 1000.

Für Kritiker ein Beleg, dass die IGGiÖ die Muslime eigentlich nicht wirklich vertrete. Sprecherin Amina Baghajati hält entgegen: "Wir erreichen viele Menschen auch über die Kooperation mit den Dachverbänden." Die großen Verbände, die die meisten Moscheen betreiben, schnapsen sich in der Regel auch die Einheitsliste für die Wahlen aus, an deren Spitze 2001 Schakfeh stand. Votieren darf dann die Handvoll zahlende Mitglieder.

Eine neue Verfassung soll nun ein offeneres, föderaleres System bringen - wenn sie jemals kommt. Verschiedene Gruppen - von den Türken bis zu den Schiiten - ringen um Einfluss, auch juristische Schnitzer verzögern das Projekt. Das Unterrichtsministerium erhob Einspruch, weil Entwürfe schlicht und einfach der österreichischen Verfassung widersprochen hätten.

Eigentlich ist Schakfehs Amtszeit längst abgelaufen, doch ohne neue Verfassung keine Wahl. Günther Ahmed Rusznak, Leiter des Islamischen Informationszentrums in Linz, hält das für Verzögerungstaktik des Präsidenten und hat die IGGiÖ verklagt, auf dass die Republik diese unter Kuratel stelle. Allerdings gilt Rusznak als Einzelkämpfer ohne großes Standing bei den Muslimen. Ein Insider: "Bei drei Viertel der Konflikte geht es in Wahrheit um gekränkte Eitelkeit."

Emotional entwickelt sich auch die abendliche Debatte im Depot. Tarafa Baghajati ärgert sich, dass Religionslehrer wegen fehlender Ausbildung angegriffen werden: "Die drei angesehensten Koranlehrer von Damaskus sind ein Apotheker, ein Mediziner und ein Falafelverkäufer." Der grünen Abgeordneten Alev Korun sträuben sich die Haare: "Wer auf unsere Kinder losgelassen wird, muss wohl eine Qualifikation vorweisen."  (Gerald John/DER STANDARD Printausgabe, 30. Jänner 2009)

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