Gegossenes Blei – zerbombte Zukunft

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Gegossenes Blei – zerbombte Zukunft


GASTKOMMENTAR VON CARLA AMINA BAGHAJATI (Die Presse)

Israel hat den Militärschlag im Gazastreifen seit Monaten vorbereitet – in einer Zeit, da die Palästinenser Waffenruhe hielten.

Wer das Neujahr mit Bleigießen begrüßt hat, dem mag sich heuer eine makabre Assoziation auftun. „Gegossenes Blei“ heißt die israelische Militäraktion, der bisher mehrere hundert Menschen zum Opfer fielen, von den überfüllten Spitälern gar nicht zu reden, der zerstörten Infrastruktur und der Panik der wie in einem Gefängnis lebenden Menschen im hermetisch abgeriegelten Gazastreifen. Das Bombardement fällt in die Neujahrszeit – nicht nur für Christen, denn das muslimische Neujahr 1430 lag am 29. Dezember.

Als „ausbalanciert“ möchten sich die politischen Stellungnahmen und Medienberichte zur Situation in Gaza wohl verstehen, wenn sie einen Hauptakzent auf die Gewalt „beider Seiten“ setzen. Aber ist eine Vergleichbarkeit überhaupt gegeben?

Vergleichbar erscheint an der Situation im Gazastreifen und in Israel eigentlich nur ein Aspekt: Beide Seiten stehen vor Wahlen, die Politik sucht Stärke zu demonstrieren. In diesem Kaschieren von Ratlosigkeit haben die Kassamraketen auf Israel und der militärische Großangriff auf Gaza eine einzige Gemeinsamkeit – aber nicht in ihrer Wirkung. So makaber es ist, Opferbilanzen zu vergleichen, so eindeutig muss doch der Befund ausfallen. Dem vergleichsweise geringen Sachschaden an israelischen Gebäuden und einem Todesopfer stehen auf palästinensischer Seite hunderte Tote, darunter viele Frauen und Kinder, ungezählte Verletzte und gewaltige Zerstörung gegenüber. Das „Genug ist genug“ der israelischen Seite erscheint in einem anderen Licht, wird bedacht, dass dieser Militärschlag seit Monaten generalstabsmäßig vorbereitet worden war – in einer Zeit, da die Palästinenser Waffenruhe hielten. Derzeit scheint auch die letzte Gelegenheit vor dem Machtwechsel in den USA, da Präsident Bush noch im Amt ist und wie üblich bedingungslos alles abwinkt.

Unerträgliche humanitäre Situation

Viel zu wenig berücksichtigt werden auch die Opfer, die auf die seit mehr als 18 Monaten andauernde Blockade in Gaza zurückgehen. 546 Tote sind dokumentiert, vor allem Personen, deren medizinische Versorgung nicht mehr aufrechterhalten werden konnte. Zuletzt aber herrschten in Gaza nicht nur Wasser- und Energiemangel, sondern wurden auch die Lebensmittel knapp.

Warum ist dieser Aspekt der unerträglichen humanitären Situation ein so vernachlässigter in der Wahrnehmung der Weltöffentlichkeit? Zum 60.Jahrestag der Menschenrechtserklärung verurteilte der UN-Sonderberichterstatter Richard Falk die Blockade „als Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ – ohne jedes politische Echo. Wenn viele Palästinenser resignierend feststellen, dass die Welt sie ohnehin kollektiv als Terroristen sehen wolle, liegt darin wohl der Knackpunkt mangelnder Solidarität. Hand aufs Herz, mit wem würden Sie sich emotional stärker identifizieren: mit dem gebildeten, kultivierten Israeli, der in seinem gepflegten Wohnzimmer von der psychischen Belastung ständiger Bedrohung redet, oder mit dem in einer Menge aufgebrachter Demonstranten in einer Kulisse des Elends seinen Zorn herausschreienden Palästinenser?

Auf ein „Selber schuld“ scheint die Wahrnehmung im Westen vielfach hinauszulaufen und mit zu bedingen, dass die Menschenwürde eines Palästinensers nicht mit dem gleichen Maßstab bemessen wird. Oder wie es der palästinensische Expräsidentschaftskandidat Mustafa Barghouti in einer anklagenden Frage formuliert: „Ist palästinensisches Blut nicht so viel wert wie jüdisches?“ Und darin liegt ein ungeheuerlicher Zynismus: Denn das bedeutet nichts anderes, als dass im Jahr, da wir die Menschenrechtserklärung feiern, schon deren erster Grundsatz nicht verinnerlicht wird. Wird einem Menschen systematisch jede Würde genommen, bis seine Verfassung auch keinen Anblick von Würde mehr bietet – sollen ihm dann die Menschenrechte abgesprochen werden?

In unserem Informationszeitalter liegt darin auch eine Herausforderung für die Kommunikation. Wie viele Wörter sind als Schlüsselbegriffe der Berichterstattung zu Platzhaltern für diese Haltung des „Selber schuld“ geworden: „radikal-islamisch“, „extremistisch“, „militant“. Dabei sei der Hinweis auf dieses zu wenig differenzierende Vokabular keinesfalls als Rechtfertigung für die Hamas verstanden. Die Reaktion von Chaled Maschal, in der er mit Selbstmordanschlägen drohte, passt geradezu ins Drehbuch all jener, die am liebsten alle Palästinenser als Aggressoren und auszuschaltende Bedrohung festschreiben würden. Und es fügt sich auch ins Bild derer, die behaupten, die Palästinenser würden sich den Tod ja geradezu wünschen. Dagegen ist im Islam eine Kultur des Lebens und nicht der Todessehnsucht begründet. Der Diskurs darüber wird in der muslimischen Welt gerade angesichts des Themas „Terror“ sehr intensiv geführt.

Es müssen klare Worte fallen

Es sind nicht nur die Stimmen all jener, die auf friedlichem Wege eine Konfliktlösung suchen, die untergehen, sondern vor allem jene der völlig unbeteiligten Zivilisten. Wenn eine Universität mit der Begründung bombardiert wird, dass dort „radikal-islamische Auslegungen“ verbreitet werden, dann sollte man dahinter auch die Propaganda wittern. Als Nächstes werden dann Bäckereien beschossen, weil deren Brot radikale Islamisten ernährt? Wer Israels Außenministerin zugehört hat, „alle Anhänger der Hamas“ attackieren zu wollen, also alle Menschen, die bei einer demokratischen Wahl einer bestimmten Partei ihre Stimme gegeben haben, der muss sehen, wie hier noch radikalere militärische Angriffe – ein Einmarsch – propagandistisch vorbereitet werden. Wenn die diversen internationalen Gremien zusammentreten, dann darf angesichts der Dramatik der Lage kein unverbindliches Deuteln wie beim Bleigießen daraus werden, sondern müssen klare Worte fallen.

Carla Amina Baghajati ist Medienreferentin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2009)

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