„Yes, we can“ in Österreich? Eher schon: „I have a dream“

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„Yes, we can“ in Österreich? Eher schon: „I have a dream“
07.11.2008 | 19:19 |  JUTTA SOMMERBAUER (Die Presse)
Omar Al-Rawi, SP-Gemeinderat, zum „Obama-Effekt“.
Die Presse: Halten Sie einen „österreichischen Obama“ für denkbar – etwa einen Wiener Bürgermeister mit türkischen Wurzeln?

Omar Al-Rawi: Von einem „Obama-Effekt“ – im Sinne eines hohen Politikers mit schwarzer Hautfarbe oder muslimischem Hintergrund – sind wir ein bisschen weit entfernt. Da sind wir nicht in der Phase „Yes, we can“, sondern „I have a dream“. In Österreich gibt es eine Migration, die die Menschen hier nicht immer als solche ansehen. Ein Swoboda, eine Wessely, Zilk, Vranitzky – diese „Altösterreicher“ sind in der Politik verankert, und sie werden von den Wienern nicht als Migranten wahrgenommen.
Warum haben es heutige Migranten in Österreichs Politik schwer?
Al-Rawi: Amerika hat seit Aufhebung der Rassentrennung sehr viel gezielt in diese Richtung gemacht– mit Affirmative Action und Quoten. Damit wollte man bewusst Partizipation ermöglichen. Das hat in Österreich vor drei, vier Jahren begonnen. Jetzt erst wirbt die Polizei gezielt um Migranten. Wir waren lange Zeit eine sehr sterile Gesellschaft. Die Beamtenschaft, die Politik: In den Nationalrat ist jetzt mit Alev Korun erstmals jemand eingezogen, der nicht in Österreich geboren wurde (siehe nebenstehenden Artikel).
Wird von Seiten der Parteien zu wenig getan?

Al-Rawi: Es ist nicht nur so, dass die Parteien nichts tun. Das Engagement der Migranten hat lange Zeit auf sich warten lassen. Die einen müssen wollen, und die anderen müssen die Chancengleichheit ermöglichen. Wien ist hier eine Ausnahme: Sechs Menschen mit Migrationshintergrund sitzen im Wiener Landtag.
Sind Migranten möglicherweise weniger an der einheimischen Politik interessiert?
Al-Rawi: Nein. Aber in Österreich ist das Engagement in politischen Parteien mit alten Traditionen verbunden. In die SPÖ etwa steigt man schon in der Jugend über die Roten Falken ein. Wenn man nicht hier geboren ist, sind viele Möglichkeiten zu partizipieren verschlossen: Ohne Staatsbürgerschaft durfte man bis 2006 nicht für den Betriebsrat kandidieren; nur EWR-Bürger sind bei den Hochschülerschaftswahlen auch wählbar. Lange Zeit war man außerhalb des Spieles. Als Wien das Wahlrecht für Migranten auf lokaler Ebene eingeführt hat, konterte die FPÖ: Stellen Sie sich vor, Ihr nächster Bezirksvorsteher ist Türke! Das war sozusagen das Horrorszenario! Als wäre das das Schlimmste auf der Welt...
Hat Obama eine Bedeutung für die hiesige Migrantenszene?
Al-Rawi: Obama ist jemand, der allen Hoffnung gibt. Er ist auch eine Hoffnung für alle Minderheiten und Migranten – für jeden, der geglaubt hat, es gibt Dinge, die man nie erreichen, die man nicht in unserer Lebenszeit erleben wird. Er ist ein Phänomen, den sicher viele, die nicht Amerikaner und auch nicht Schwarze sind, als Vorbild sehen.
Zu Ihrer persönlichen Laufbahn. Wurden Ihnen Hürden gestellt?
Al-Rawi: Ich hab hie und da von Gegnern Skepsis oder Misstrauen erlebt, aber durch meine Arbeit konnte ich das sehr bald zerstreuen. Seit 1993 habe ich mich als Betriebsrat engagiert, nun wurde ich in der Strabag zum Betriebsratsvorsitzenden gewählt. Das macht mich schon stolz, zumal unter den Wählern überwiegend keine Migranten oder Muslime sind. Ich sehe das als ein Zeichen von Normalität. Die Arbeit und die Person stehen im Vordergrund, nicht der Migrationshintergrund.

Wenn Migranten in der Politik Karriere machen wollen, brauchen sie dann Mentoren und Förderer?

Al-Rawi: Weiterkommen funktioniert nicht nur über Förderung. Jeder ist letztlich seines Glückes Schmied. Es reicht nicht, einfach „nur“ Migrant zu sein, um Politiker zu werden.
Ihre Prognose: Wann kommt Wiens erster türkischstämmiger Bürgermeister?
Al-Rawi: In Wien hoffe ich, dass unser lieber Bürgermeister noch sehr lange im Amt ist (lacht). Ehrlich gesagt, keine Ahnung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2008)

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