Falter Interview - „Die deutschen Zurufe brauchen wir nicht"

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„Die deutschen Zurufe brauchen wir nicht"


Der muslimische Wiener SPÖ-Gemeinderat Omar Al Rawi intervenierte gegen den Auftritt einer deutschen Islamkritikerin. Im Falter-Interview erklärt er mir, warum.

Darf man den Islam in Österreich öffentlich kritisieren? Christine Schirrmacher darf es offenbar nicht. Ende Mai wurde die Leiterin des Bonner Instituts für Islamfragen von einer Veranstaltung in Traun ausgeladen, auf der sie einen kritischen Vortrag hätte halten sollen. Der Wiener SPÖ-Gemeinderat und „Integrationsbeauftragte" Omar Al Rawi, einer der wichtigsten muslimischen Politiker der Stadt, hatte bei den Veranstaltern der Diskussion deponiert, Schirrmacher sei eine „anti-islamische und antimuslimische Aktivistin". Die Veranstalter knickten ein. Al Rawi berief sich bei seiner Kritik auch auf Schirrmachers Studie „Frauen und die Scharia" (Diederichs Verlag). Im deutschen Feuilleton wurde das Werk wohlwollend rezensiert. Der „Fall Schirrmacher-Al Rawi" wird bereits in Deutschland als „dämlich und feig" (ZEIT-Islam-Experte Jörg Lau in seinem Weblog) beschrieben. Nun räumt Al Rawi erstmals ein, auch selbst Fehler gemacht zu haben.

Falter: Herr Abgeordneter. Sie haben gegen den Auftritt Christine Schirrmachers interveniert. Sie schrieb über „Menschenrechte im Islam". Warum darf diese Frau nicht zu Wort kommen?

Omar Al Rawi: Sie kann ruhig sprechen. Aber ich kann auch darauf hinweisen, in welchen evangelikalen Netzwerken diese Frau steht. Sie zählt zum erweiterten Kreis einer radikalen Bewegung. Diese Leute verstehen Dialog als Missionierung.


Sie kann ruhig sprechen. Aber ich kann auch darauf hinweisen, in welchen evangelikalen Netzwerken diese Frau steht. Sie zählt zum erweiterten Kreis einer radikalen Bewegung. Diese Leute verstehen Dialog als Missionierung.

Falter: Frau Schirrmacher bestreitet diese Vorwürfe. Sie beklagt, sie werde als angesehene Professorin von Ihnen diskreditiert.

Omar Al Rawi: Sie lehrt an einer evangelikalen Kaderschmiede. Das sind Kreise, die aggressiv missionarisch auftreten. Für mich als Iraker hat das einen negativen Beigeschmack. Denn George W. Bush hat seinen Feldzug im Irak ja auch evangelikal begründet. Sie müssten die Postings lesen, die Morddrohungen, die ich dieser Tage bekomme!


Sie lehrt an einer evangelikalen Kaderschmiede. Das sind Kreise, die aggressiv missionarisch auftreten. Für mich als Iraker hat das einen negativen Beigeschmack. Denn George W. Bush hat seinen Feldzug im Irak ja auch evangelikal begründet. Sie müssten die Postings lesen, die Morddrohungen, die ich dieser Tage bekomme!

Falter: Frau Schirrmacher droht ihnen?

Omar Al Rawi: Nein, natürlich nicht.

Aber es wäre gut, wenn sie sich von den evangelikalen Hetzern und merkwürdigen Anhängern distanziert.


Nein, natürlich nicht. 

Falter: Herr Al Rawi, sie unterstellen hier, dass eine kritische Wissenschafterin eine besonders radikale Person sei. Haben Sie Schirrmachers Buch gelesen?

Omar Al Rawi: Ich muss nicht alles lesen. Ich habe hier ein paar Zitate. Auf Seite 108 zum Beispiel schreibt sie, der Islam verlange, die Frau müsse sexuell gehorsam sein, der Mann habe ein Züchtigungsrecht und der Koran befehle, dass Männer eine Peitsche im Zimmer haben sollen. So ein Unsinn.


Ich muss nicht alles lesen. Ich habe hier ein paar Zitate. Auf Seite 108 zum Beispiel schreibt sie, der Islam verlange, die Frau müsse sexuell gehorsam sein, der Mann habe ein Züchtigungsrecht und der Koran befehle, dass Männer eine Peitsche im Zimmer haben sollen. So ein Unsinn.

Falter: Sie dokumentiert Überlieferungen des Propheten und die Meinungen muslimischer Theologen. In Saudi Arabien, Nigeria und dem Iran werden Frauen im Namen des Islam noch heute gesteinigt. Darf sie das nicht mehr thematisieren?

Omar Al Rawi: Spielen Sie jetzt den Anwalt von Frau Schirrmacher oder wollen sie meine Meinung hören? Schirrmacher will den anderen bekehren – unter dem Deckmantel der Wissenschaft. Ich verstehe Dialog als Ausdruck gegenseitigen Respekts.


Spielen Sie jetzt den Anwalt von Frau Schirrmacher oder wollen sie meine Meinung hören? Schirrmacher will den anderen bekehren – unter dem Deckmantel der Wissenschaft. Ich verstehe Dialog als Ausdruck gegenseitigen Respekts.

Falter: Ist es respektlos, das Rechtsverständnis des Islam zu kritisieren? Das ist die grundsätzliche Frage in diesem Fall.

Omar Al Rawi: Jeder kann den Islam kritisieren. Aber jetzt werden ständig sogenannte Experten aus Deutschland eingeflogen, die über den Islam in Österreich referieren und uns Ratschläge erteilen wollen. Darunter sind Leute wie Necla Kelek, Bassam Tibi, Seyran Ates und Henryk Broder. Wir brauchen hier keine Zurufe von außen.


Jeder kann den Islam kritisieren. Aber jetzt werden ständig sogenannte Experten aus Deutschland eingeflogen, die über den Islam in Österreich referieren und uns Ratschläge erteilen wollen. Darunter sind Leute wie Necla Kelek, Bassam Tibi, Seyran Ates und Henryk Broder. Wir brauchen hier keine Zurufe von außen.

Falter: Tibi, Kelek und Ates sind selbst Migranten. Sie kritisieren die Unterdrückung der Frauen und das Wegsehen der „Multi-Kulti-Gesellschaft". Deshalb sind sie doch noch keine Hetzer.

Omar Al Rawi: Hetzer wie FPÖ-Chef Heinz Christian Strache picken sich aus den Büchern dieser Leute ihre Argumente heraus. So importieren wir von den Deutschen nun die ganzen Probleme, die hier nicht existieren. Die Diskussion um die Minarett-Verbote kommt ja aus Köln. Wir führen hier auch plötzlich Diskussionen um „Hassprediger" und die „Leitkultur". Dabei ist die Lage in Wien immer friedlich gewesen. Jetzt laufen die Stiefelnazis durch die Straßen und skandieren vor einem muslimischen Gebetshaus „Anzünden!".


Hetzer wie FPÖ-Chef Heinz Christian Strache picken sich aus den Büchern dieser Leute ihre Argumente heraus. So importieren wir von den Deutschen nun die ganzen Probleme, die hier nicht existieren. Die Diskussion um die Minarett-Verbote kommt ja aus Köln. Wir führen hier auch plötzlich Diskussionen um „Hassprediger" und die „Leitkultur". Dabei ist die Lage in Wien immer friedlich gewesen. Jetzt laufen die Stiefelnazis durch die Straßen und skandieren vor einem muslimischen Gebetshaus „Anzünden!". 

Falter: Das ist skandalös, keine Frage. Aber es gibt auch noch eine andere Seite. Kürzlich wurde ein Muslim wegen Terrorismus verurteilt. Ein Wiener Prediger, den auch sie immer als besonders vorbildlich lobten, forderte, dass „die Köpfe der Ungläubigen rollen" sollten. Ist das Toleranz?

Omar Al Rawi: Wir hatten vereinbart, dass dieses Gespräch nicht populistisch wird.

Falter: Es ist nicht populistisch, auf solche Fakten hinzuweisen.


Wir hatten vereinbart, dass dieses Gespräch nicht populistisch wird.

Omar Al Rawi: Dieses Zitat höre ich zum ersten Mal. Der Scheich hat zugegeben, Fehler gemacht zu haben. Seine umstrittenen Predigten sind zehn Jahre her. Manches, etwa sein Aufruf gegen den Papst, wurde falsch übersetzt. Jeder Mensch muss die Chance haben, sich zu ändern. Ich als gebürtiger Iraker habe als 15jähriger in Bagdad auch anders getickt als heute. Wieso berichten sie nicht über christliche Religionslehrer, die gegen den Islam hetzen?

Falter: Welche?

Omar Al Rawi: Ich musste versprechen, die Namen nicht zu nennen. Auch die Muslime in Traun, wo Schirrmacher sprechen wollte, haben sich übrigens vertrauensvoll an die Glaubensgemeinschaft gewandt. Wir sind eben auch eine Interessensvertretung. Wir sind wachsam. Traun ist historisch belastet. Dort wurde eine Moschee abgerissen. Im nahen Linz wurde der Bauplatz einer Moschee mit Schweineköpfen entweiht.


Ich musste versprechen, die Namen nicht zu nennen. Auch die Muslime in Traun, wo Schirrmacher sprechen wollte, haben sich übrigens vertrauensvoll an die Glaubensgemeinschaft gewandt. Wir sind eben auch eine Interessensvertretung. Wir sind wachsam. Traun ist historisch belastet. Dort wurde eine Moschee abgerissen. Im nahen Linz wurde der Bauplatz einer Moschee mit Schweineköpfen entweiht. 

Falter: Was hat das mit Schirrmacher zu tun?


Dieses Zitat höre ich zum ersten Mal. Der Scheich hat zugegeben, Fehler gemacht zu haben. Seine umstrittenen Predigten sind zehn Jahre her. Manches, etwa sein Aufruf gegen den Papst, wurde falsch übersetzt. Jeder Mensch muss die Chance haben, sich zu ändern. Ich als gebürtiger Iraker habe als 15jähriger in Bagdad auch anders getickt als heute. Wieso berichten sie nicht über christliche Religionslehrer, die gegen den Islam hetzen? Ich musste versprechen, die Namen nicht zu nennen. Auch die Muslime in Traun, wo Schirrmacher sprechen wollte, haben sich übrigens vertrauensvoll an die Glaubensgemeinschaft gewandt. Wir sind eben auch eine Interessensvertretung. Wir sind wachsam. Traun ist historisch belastet. Dort wurde eine Moschee abgerissen. Im nahen Linz wurde der Bauplatz einer Moschee mit Schweineköpfen entweiht.

Omar Al Rawi: Ich habe ja nur die Veranstalter informiert, damit sie wissen, worauf sie sich einlassen. Wir dürfen schon noch fragen, ob Steuermittel unter dem Deckmantel der Integration verschleudert werden. Es wäre zum Beispiel gut gewesen, wenn auch ein Muslim am Podium sitzt.

Falter: Islamkritiker sollten nur noch auftreten, wenn auch ein Muslim auftritt? Ist das ihre Forderung?


Ich habe ja nur die Veranstalter informiert, damit sie wissen, worauf sie sich einlassen. Wir dürfen schon noch fragen, ob Steuermittel unter dem Deckmantel der Integration verschleudert werden. Es wäre zum Beispiel gut gewesen, wenn auch ein Muslim am Podium sitzt.

Omar Al Rawi: Wenn zu einem „offenen Dialog" geladen wird, dann sollte es auch wirklich ein Dialog stattfinden – und kein Monolog einer radikalen Evangelikalen. Das werde ich noch sagen dürfen.

Falter: Es ist nicht das erste Mal, das sie intervenieren. Die profil-Autorin Elfriede Hammerl kritisierte, sie hätten sich nach einem islamkritischen Artikel bei Heinz Fischer beschwert.

Omar Al Rawi: Das stimmt nicht. Es gab nur ein Mail von einer Kollegin aus der Glaubensgemeinde, die Hammerls Artikel kritisierte. Dieses Mail habe ich an einen internen Verteiler weitergeleitet.


Das stimmt nicht. Es gab nur ein Mail von einer Kollegin aus der Glaubensgemeinde, die Hammerls Artikel kritisierte. Dieses Mail habe ich an einen internen Verteiler weitergeleitet.
 Wenn zu einem „offenen Dialog" geladen wird, dann sollte es auch wirklich ein Dialog stattfinden – und kein Monolog einer radikalen Evangelikalen. Das werde ich noch sagen dürfen. Das stimmt nicht. Es gab nur ein Mail von einer Kollegin aus der Glaubensgemeinde, die Hammerls Artikel kritisierte. Dieses Mail habe ich an einen internen Verteiler weitergeleitet.

Falter: Hammerl beschrieb es anders.

Omar Al Rawi: Ich habe mich mit ihr ausgesprochen. Sie weiß, dass es nicht so gelaufen ist.


: Ich habe mich mit ihr ausgesprochen. Sie weiß, dass es nicht so gelaufen ist.

Falter: Herr Al Rawi, es gibt die Angst, dass Sie Kritik am Islam abdrehen wollen.

Omar Al Rawi: Ich will Islamkritik nicht unterbinden. Aber ein ausschließliches Verächtlichmachen ist keine Kritik. Ich bin selbst nicht glücklich, wie der Fall Schirrmacher verlaufen ist. Vielleicht bin ich ja übervorsichtig und vielleicht reagiere ich dann über. Ich gebe ihnen auch Recht, dass der konkrete Vortrag von Frau Schirrmacher kein Problem war.


Ich will Islamkritik nicht unterbinden. Aber ein ausschließliches Verächtlichmachen ist keine Kritik. Ich bin selbst nicht glücklich, wie der Fall Schirrmacher verlaufen ist. Vielleicht bin ich ja übervorsichtig und vielleicht reagiere ich dann über. Ich gebe ihnen auch Recht, dass der konkrete Vortrag von Frau Schirrmacher kein Problem war. 

Falter: Haben Sie einen Fehler gemacht?

Omar Al Rawi: Ja, ich hätte gar nicht reagieren sollen. Dann wären ein paar Dutzend Leute gekommen und die Sache wäre erledigt gewesen.

Falter: Was ist mit der inhaltlichen Kritik, die Leute wir Schirrmacher vortragen? Wie geht die SPÖ damit um?


Ja, ich hätte gar nicht reagieren sollen. Dann wären ein paar Dutzend Leute gekommen und die Sache wäre erledigt gewesen.

Omar Al Rawi: Wir unterstützen viele wichtige Initiativen und Vereine in Wien, wir sind doch nicht naiv. Wir thematisieren Genitalverstümmelung und Zwangsehen. Aber wir sehen die Probleme nicht im Islam, sondern in sozialen Ursachen. Toleranz bedeutet für uns auch nicht Beliebigkeit. Die Emanzipation der Frau hängt an Bildung und Beruf. Das ist uns wichtig.

Falter: Genau dasselbe schreibt übrigens Frau Schirrmacher am Ende ihres Buches. Auch sie fordert Emanzipation.

Omar Al Rawi: Ja, aber sie hat sich auch für das Kopftuchverbot ausgesprochen.


Ja, aber sie hat sich auch für das Kopftuchverbot ausgesprochen.
: Wir unterstützen viele wichtige Initiativen und Vereine in Wien, wir sind doch nicht naiv. Wir thematisieren Genitalverstümmelung und Zwangsehen. Aber wir sehen die Probleme nicht im Islam, sondern in sozialen Ursachen. Toleranz bedeutet für uns auch nicht Beliebigkeit. Die Emanzipation der Frau hängt an Bildung und Beruf. Das ist uns wichtig. Ja, aber sie hat sich auch für das Kopftuchverbot ausgesprochen.

Falter: Die Grünen wollen Schirrmacher gemeinsam mit der „Presse" nach Wien laden. Werden sie kommen?

Omar Al Rawi: Das werde ich sehen. Einem Dialog verweigere ich mich nicht.


Das werde ich sehen. Einem Dialog verweigere ich mich nicht.

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