Muhammad-Asad-Platz in Wien

User Rating: 0 / 5

Star InactiveStar InactiveStar InactiveStar InactiveStar Inactive
 

Muhammad-Asad-Platz eröffnet

In Wien ist am Montag der Muhammad-Asad-Platz vor dem Vienna International Center (VIC, 22. Bezirk, Wagramerstraße 5) feierlich eröffnet worden. 
© Herbert Ortner
An der Eröffnung, die vom Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny vorgenommen wurde, nahm auch der Sohn Muhammad Asads, Prof. Talal Asad, teil. Der Platz ist benannt nach dem Nahost-Berichterstatter Leopold Weiss (geboren 1900), der einer jüdischen Familie aus dem damals zu Österreich-Ungarn gehörenden galizischen Lemberg entstammte, später zum Islam konvertierte, Berater des saudi-arabischen Königs wurde und 1952 Pakistan als Gesandter bei der UNO vertrat.
"Es gibt wohl keinen geeigneteren Platz, Muhammad Asad zu ehren, als jenen vor der UNO-City. Muhammad Asad war ein Weltenbürger, der überall auf der Welt, insbesondere aber im Orient, zu Hause war und auch seine Spuren hinterlassen hat. Der Muhammad-Asad-Platz ist ein Zeichen für das Miteinander unterschiedlicher Religionen und Ethnien in unserer Stadt", sagte Mailath-Pokorny laut Rathauskorrespondenz bei der Eröffnung. Bezirksvorsteher Norbert Scheed meinte, es sei eine wichtige Botschaft, einen religiösen Vermittler zu ehren, der Religion stets auf der Basis demokratischer Werte vertreten habe. Die Menschenrechtssprecherin der Grünen Wien, Alev Korun, begrüßte die Platz-Benennung. "In Zeiten erstarkenden Rassismus und aggressiver Stimmungsmache" gegen Muslime sei dies das richtige Zeichen.
Talal Asad, der Sohn des posthum Geehrten, zeigte sich glücklich, dass mit dem Platz dem Schaffen und Werk seines Vaters ein Denkmal gesetzt worden sei. "Wien hat eine spezielle Form der Integrationspolitik, aber auch der Umgang mit den Religionen hat eine Vorreiterrolle in Europa", meinte Asad. In der Ratshauskorrespondenz hieß es weiter, der gebürtige Österreicher Leopold Weiss habe sich im interkulturellen Bereich als "religiöser Brückenbauer" und "Visionär" international verdient gemacht. Als zum Islam konvertierter Jude hat er mit seiner Übersetzung des Koran ins Englische Islam-Geschichte geschrieben.
Weiss wurde 1900 in Lemberg geboren und übersiedelte bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit seiner Familie nach Wien. 1922 begeisterte er sich bei einer Reise nach Jerusalem für den Nahen Osten. Er wurde Nahost-Korrespondent für die "Frankfurter Zeitung", reiste von Ägypten bis Afghanistan. 1926 konvertierte er zum Islam. Nach einer Pilgerfahrt nach Mekka wurde er Vertrauter von König Ibn Saud, später beteiligte er sich in Indien am Aufbau Pakistans. Er schrieb 1955 seine Autobiografie "Der Weg nach Mekka" und 1980 eine kommentierte Koran-Übersetzung ins Englische. 1992 starb er in Andalusien.

Ehrung von Muhammad Asad:
 
"Eine Art Sozialdemokratie" im
 
Islam

Der US-Ethnologe Talal Asad weilt 

anlässlich der Platzbenennung nach 

seinem Vater in Wien

Im Vordergrund beschleunigt oder bremst alle paar Minuten – je nach Fahrtrichtung – die U1 auf ihrer Trasse, dahinter ragen die Blöcke der UNO-City in den blitzblauen Himmel: Der Platz vor dem Eingang zu den Vereinten Nationen in Wien ist der Prototyp einer zweckdienlichen, architektonischen Moderne. Wer die Repräsentanz der internationalen Staatengemeinschaften betreten will, muss ihn überqueren. 
Dieser Platz sei "wie kein zweiter geeignet, um Muhammad Asad zu ehren. Einen Weltenbürger, der überall auf der Welt, insbesondere aber im Orient, zu Hause war und seine Spuren hinterlassen hat", sagte am Montag der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ). Er sagte es vor Ort und vor den Ohren weiterer feierlicher Redner wie Anas Shakfeh, Präsidenten der Islamischen Glaubengemeinschaft und Norbert Scheed, dem Donaustädter Bezirksvorsteher (SPÖ): Das nüchterne Stück Rasen und Beton vor der Pforte zum VIC wurde am Montag in Muhammad-Asad-Platz benannt, wie es auch das neue, blaue Straßenschild verkündet: Die erste Straßenbenennung nach einem Muslim in Österreich, wie Ideengeber Omar Al-Rawi, SP-Gemeinderat in Wien, stolz herausstreicht.
Muslimischer Aufklärer
Muhammad Asads wurde im Jahr 1900 als Leopold Weiss in Galizien geboren. Der Sohn jüdischer Eltern wuchs in Wien auf. Sein erwachsenes Leben startete er in den Literatenkaffees der k. u. k. Metropole und als Journalist. Aber nach einer Reise nach Jerusalem konvertierte er mit 26 Jahren zum Islam und änderte seinen Namen. In den folgenden Jahrzehnten wurde Muhammad Asad zu einem der wichtigsten muslimischen Aufklärer des 20. Jahrhunderts, verfasste Bücher, schrieb die Verfassung des Königreichs Saudi-Arabien und der Republik Pakistan mit. Als pakistanischer Gesandter saß er in der UNO-Vollversammlung in New York, doch im zusehends politischer werdenden Islam gab es für den Vertreter einer strikten Trennung von Staat und Religion immer weniger Platz. Als er 1992 in südspanischen Granada starb, galt er vielen muslimischen Repräsentanten als Ketzer. 
Dieser Mann sei für die Muslime, die heute in Europa leben "vielleicht nicht repräsentativ" – passen würde die Benennung aber allemal, meint Talal Asad, Sohn des Geehrten. "Der kulturelle Hintergrund der Muslime ist vielfältig, vielfältig wie der Islam", sagt der Spross aus einer Ehe Muhammad Asads mit der Angehörigen einer führenden saudiarabischen Familie, der selbst Muslim ist. 
Bisher kein Bezug zu Wien
Zur feierlichen Platzbenennung war der in Pakistan aufgewachsene 63-Jährige, der es zu einem der bekanntesten religionsvergleichenden Ethnologen in den USA gebracht hat, "zum allerersten Mal in meinem Leben" nach Wien gekommen. Zur Geburtsstadt seines Vaters habe er "bisher keinerlei Bezug gehabt", ebenso wenig wie zu dessen ursprünglicher Religion, dem Judentum: Talal Asads Forschungen an der City University of New York haben sich bisher ausschließlich mit Christen und Muslimen beschäftigt. 
"Sehr eingenommen" sei er von Österreich, seit er erfahren habe, "dass der Islam hier zu den staatlich anerkannten Religionen gehört", betont Talal Asad im STANDARD-Gespräch. "Das ist eine große Chance, ja vorbildlich." Die Integration muslimischer (oder anderer) Einwanderer nämlich könne nur "auf Augenhöhe" geschehen.
Und tunlichst ohne Vorannahmen, wie etwa über den "gefährlichen Islam", meint der Mann, der in seinen Schriften Verhärtungen nicht ausschließt. Soziale Konflikte habe es in Europa immer wieder gegeben: "Denken Sie nur, wie heftig im 19. Jahrhundert hier die Auseinandersetzungen mit der Arbeiterklasse waren". Auch bei diesem Konflikt habe die Antwort im Grunde in "Integrationsbestrebungen" gelegen, in Österreich etwa durch die Sozialdemokratie: "Ich bin kein Prophet", sagt Talal Asad, "aber was der Islam in Europa braucht, ist glaube ich etwas in dieser Art." (Irene Brickner/DER STANDARD-Printausgabe, 

Internationales Flair fürs neue Straßenschild: Ideengeber Al-Rawi am Platz vor der UNO. 

Ehrung für jüdischen Muslimen
 
aus Wien

Platz vor der UNO trägt ab Montag den 

Namen des Islamreformers Muhammad 

Asad

Wien – Der Platz vor dem Tor zum Sitz der Vereinten Nationen in Wien wird ab kommenden Montag den Namen eines Muslimen tragen: "Dass ein Wiener Straßenschild erstmals an einen Muhammad erinnert, stimmt mich stolz", sagt Omar Al-Rawi, SP-Gemeinderat und Integrationsbeaufragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft. 
Die Benennung des vorher namenlosen Ortes als "Muhammad-Asad-Platz" – "keine Umbenennung, denn eine solche hätte hohe Folgekosten mit sich gebracht" – gehe auf seine Initiative zurück, erzählt Al-Rawi. Die Stadt Wien honorierte dies: Zur Eröffnung wird u.a. Kulturstadtrat Andreas Mailtah-Pokorny erwartet, beim Empfang im Rathaus wird Bürgermeister Michael Häupl reden.
Mit dem Muhammad-Asad-Platz ehre Wien einen "Mann, der einen wichtigen Teil seines Lebens in dieser Stadt verbracht hat", sagt Al-Rawi. Nämlich Kindheit und Jugend, die der spätere Berater des Gründers des Königsreichs Saudi-Arabien, Ibn Saud, und Mitgründer der Republik Pakistan als Leopold Weiss in der damaligen Hauptstadt des k.u.k-Reichs verbrachte. 1900 in einer jüdischen Familie im galizischen Lemberg geboren, übersiedelten Weiss mit Eltern nach Wien, wo er in die Schule ging und Philosophie studierte.
Die neue Religion
Zum Islam kam der Bürgersohn bei einem Besuch eines Onkels in Jerusalem. Die neue Religion, zu der er 1926 konvertierte, änderte sein Leben von Grund auf. "Asad war ein Vertreter des reformorientierten Denken im Islam", schildert Al-Rawi. Das sei er bis zu seinem Tod 1992 im spanischen Granada geblieben, doch da galt er in vielen islamischen Staaten schon als Ketzer. (Irene Brickner/DER STANDARD-Printausgabe, 12.4.2008) 


Film "The Lion‘s Journey" über Muhammad Asad:
So., 13.4. Metro-Kino Johannesgasse 4, 1010 Wien 
Platzeröffnung:
Mo., 14.4., 11 Uhr, Wagramer Straße 5, 1220 Wien


Islam-Debatte: Europa? Ja! USA? Nein!

15.04.2008 | 18:32 |  JUDITH LECHER (Die Presse)

Nur als brave Europäer geduldet und/oder Gefahr dargestellt: Welche Moslem-Bilder Wissenschaftler erkennen.

Wien. Vorurteile, Ignoranz und Machtpolitik: Das sind laut Talal Asad die Gründe der Islamfeindlichkeit, die im Westen weit verbreitet sei. Der Vater des Anthropologen, Muhammad Asad, gilt als einer der „Brückenbauer“ zwischen Islam und dem Westen. Am Montag wurde dem Journalisten und Theologen, der vom Judentum zum Islam konvertierte, der Platz vor der UNO-City gewidmet. Es ist der erste Ort Wiens, der nach einem Moslem benannt wurde.

„Das ist eine starke symbolische Geste“, sagte Talal Asad am Montagabend bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Die Europäer und der Islam – Zwischen Faszination und Ablehnung“. Tatsache sei jedoch, dass der Westen noch immer ein Problem mit dem Islam habe. „Wenn ein Moslem nach Europa kommt, wird erwartet, dass er sich europäisiert. Aber wenn ein Europäer Moslem werden will, fragen alle ganz verwirrt: Wieso?“ 
Diese Ablehnung habe seit den Anschlägen vom 11. September 2001 zugenommen, vor allem in den USA. Seither werde die Angst vor Moslems in Filmen und Medien geschürt, was Vorurteile der US-Bevölkerung noch fördere. 
„Die USA“, so der Kulturanthropologe wörtlich, „sind eines der beschränktesten Länder der Welt.“ Zustimmendes Murmeln von den gut 300 Besuchern, die meisten davon Moslems. Der Professor der University of New York City legte nach: Die Nürnberger Rassengesetze gingen auf die Sklaverei der USA zurück. Den Einwurf von Moderator Rainer Nowak, Wien-Ressortleiter der „Presse“, dass zu den Nürnberger Rassengesetzen doch auch Konzentrationslager gehört hätten, nahm Asad zur Kenntnis, beharrte aber auf den Vergleich.
Und wäre das demokratische System der USA nicht zu kompliziert, hätte die Regierung unter George W. Bush längst ein faschistisches Regime errichtet, so Asad. Auch Jurist Alfred Noll kritisierte Bush: „Der 11. September hätte kein Anlass sein müssen, die Nahost-Politik zu ändern.“ Der Hintergrund sei rein machtpolitisch gewesen, so Noll. 
9/11, meinte der Wiener Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker, hat auch in Europa das Bild des Islam geprägt. „In den 1970ern hat der Sufismus als mystische Strömung des Islams die Europäer fasziniert.“ Derzeit diskutiere man nur noch, wie man die muslimische Minderheit dazu bringen könne, „brave Europäer“ zu werden. Europa solle stattdessen den Islam als Normalität begreifen. „Es kann nicht sein, dass sich Muslime dafür rechtfertigen müssen, dass sie gleichberechtigt sein wollen.“ 


Wie bei einer Paartherapie
„Heute kann jemand ohne Widerspruch Muslim und Europäer sein“, betonte die Islam- und Politikwissenschaftlerin Amena Shakir. Der Beweis seien junge Muslime der zweiten oder dritten Generation: „Sie wollen ein ganz normales Leben führen, mit Arbeitsplatz, Familie, Karriere und gesellschaftlicher Anerkennung.“ Österreich, wo der Islam rechtlich anerkannt ist, biete dafür eine gute Grundlage. 
Asad forderte Engagement von Europäern und Muslimen, schließlich gebe es bei sozialen Beziehungen zwei Seiten: „Wenn man zur Paar-Therapie geht, kann man auch nicht bloß zu seiner Frau sagen: Benimm' dich endlich.“
IM DETAIL
Am Montag wurde mit dem Muhammad-Asad-Platz erstmals ein Ort in Wien nach einem Moslem benannt. Asad war 1900 als Leopold Weiss zur Welt gekommen. 1926 konvertierte der Sohn einer Rabbiner-Familie zum Islam. Er gilt als Beispiel dafür, wie sich Europa und der Islam gegenseitig befruchtet haben. 
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2008)


Wiener Ehrung für Muhammad Asad
Die nächsten Tage stehen ganz im Zeichen des großen österreichisch-islamischen Denkers Leopold Weiß.
 

Sonntagvormittag fanden sich zahlreiche Besucher/innen im Wiener Metro-Kino ein, um den Film "Der Weg nach Mekka" zu sehen. Das Dokumentarwerk beleuchtet den Einfluss von Leopold Weiß, der mit 26 Jahren zum Islam konvertiert ist. Als Journalist und Diplomat bereiste er zahlreiche arabische Länder und schrieb bedeutende Werke wie "Islam at the Crossroads" und ein Englisch-Übersetzung des Quran.

Die Kinovorstellung war auch von einigen Ehrengästen besucht, darunter dem Sohn von Leopold Weiß, Talal Asad. Weitere Gäste waren unter anderem der ehemalige deutsche Botschafter Murad Hoffmann, der Wiener Landtagsabgeordneter Omar al-Rawi, der deutsche Ex-Diplomat Aman Hobohm und Diplomaten aus Saudi Arabien und Pakistan. 

Georg Misch, Regisseur und Produzent des Films, durfte sich bereits in der vergangene Woche über den Preis "Beste Kameraführung bei Dokumentarfilmen" bei der Diagonale in Graz freuen. Am morgigen Montag wird um 11.00 Uhr offiziell der Muhammad-Asad-Platz im 22. Wiener Gemeindebezirk eröffnet. 

Direkt vor den Toren des UN-Gebäudes werden zahlreiche Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft erwartet. Als Wegbereiter für die Benennung des ersten Platzes in Österreich nach einem Muslim, zeichnet sich Omar al-Rawi aus. Am Abend findet schließlich im Billrothhaus eine Diskussion zum Thema "Die EuropäerInnen und der Islam" statt. 

Quelle: KISMET


Auf muslimischen Spuren durch Wien
13.04.2008 | 18:03 |  ERICH KOCINA (Die Presse)
Stadtbild. In Wien wird erstmals ein Platz nach einem Muslim benannt. Andere Spuren im Stadtbild sind versteckter.
WIEN. Acht bis zehn Prozent der Wiener sind Muslime. Je nach Bezirk ist ihr Einfluss auf das Straßenbild mehr oder weniger sichtbar. Döner und Kebab haben längst ihren Platz in der städtischen Lebensart, so wie auch viele Wiener am Sonntag – wenn andere Geschäfte geschlossen haben – Lebensmittel beim „Türken am Ecke“ besorgen. Zuwanderer aus muslimischen Ländern gehören längst zum Alltag. Im Stadtplan ist von ihrer zunehmend wichtigeren Rolle allerdings noch wenig zu sehen.

Tatsächlich findet sich im Wiener Straßenverzeichnis noch kein einziger Eintrag, der auf Muslime zurückgeht. Kein einziger? Nun, Referenzen an Wiens muslimische Geschichte gibt es sehr wohl: Die Türkenbelagerungen von 1529 und 1683 haben in der Benennung von Straßen und Plätzen ihren Niederschlag gefunden. 52 Bezeichnungen sind im Lexikon der Wiener Straßennamen damit verknüpft. Abgesehen von Türkenstraße, Türkenschanzplatz und Türkenschanzstraße handelt es sich aber meist um österreichische Feldherren und Herrscher, deren Rolle bei der Niederschlagung der Belagerungen gewürdigt wird.


Geschichte des Islam ist türkisch
Die Türken sind es folglich, die im Stadtbild in Form von Statuen, Gedenktafeln oder anderen Erinnerungsstücken zu sehen sind. Das vermutlich markanteste Zeichen ist ein türkischer Reiter (4) am Heidenschuss in der Innenstadt. Die Statue erinnert an die Sage, dass die angreifenden Türken einen Stollen gegraben hatten, um in die Stadt vorzudringen – ein aufmerksamer Bäckergeselle bemerkte den Plan und schlug Alarm.
Antitürkische Symbole und Bilder tauchten nach den Türkenkriegen auf zahlreichen Bauten auf. So werden die schmiedeeisernen Gitter vor der Statue des Predigers Marco d'Aviano bei der Kapuzinerkirche von bewaffneten Türken (5) geziert. Auf der Außenwand des Stephansdoms fand sich auch ein Türkenkopf mit der Inschrift: „Schau, Mahomet, du Hund“, die aber unter Kardinal König entfernt wurde.
Die Capistrankanzel an der Außenseite des Doms erinnert an den Wanderprediger Johannes von Capestrano, der schon im 15. Jahrhundert den Kampf gegen die türkischen Besatzer gepredigt hatte. Ein hörbares Andenken an die Türken ist die Pummerin (6), die aus Kanonen gegossen wurde, die die Türken zurückgelassen hatten.
Als sich der Zorn auf die türkischen Besatzer gelegt hatte, änderte sich das Türkenbild. Kaffee, Tulpen und Mais – Importe aus dem osmanischen Reich – lösten einen Türkenboom aus. Das Wiener Kaffeehaus war eine der Folgen, Mozarts „Entführung aus dem Serail“ ein weiteres Beispiel für die Faszination des Orients.
Abgesehen von Erinnerungen an die türkische Vergangenheit finden sich sonst kaum Zeugnisse islamischer Einflüsse in Wien. Die Fülle an Geschichten und historischen Stätten, wie sie etwa das jüdische Wien aufweist, gibt es nicht. Erst mit der Zuwanderung von Gastarbeitern – wieder zum größten Teil aus der Türkei – in den 1960er-Jahren, setzte langsam ein neuer Schub ein.
Bisheriger Höhepunkt war 1979 die Eröffnung des Islamischen Zentrums (2) am Hubertusdamm. Wiens erste – und bisher einzige – Moschee wurde damals als Zeichen der Vielfalt gesehen. Zu dieser Zeit lebten 17.000 Muslime in Wien. Seither hat sich ihre Zahl verzehnfacht, dementsprechend häufiger stößt man auf ihre Spuren.
Das beginnt beim alltäglichen Leben auf der Straße, bei Bauwerken wie dem Yunus-Emre-Brunnen im Türkenschanzpark – Zeichen der österreichisch-türkischen Freundschaft – und endet bei muslimischen Gräbern. Am Zentralfriedhof (3) gibt es einen islamischen Teil, in Liesing soll noch heuer ein eigener muslimischer Friedhof (7) fertig gestellt werden.
Auch in der Politik begannen Muslime Fuß zu fassen. Im Wiener Gemeinderat finden sich in allen Fraktionen – bis auf die FPÖ – muslimische Abgeordnete. Einer von ihnen, SPÖ-Gemeinderat Omar Al-Rawi, ist es auch, der sich besonders dafür stark gemacht hat, dass mit dem Muhammad-Asad-Platz (1) vor der UNO-City erstmals ein Platz nach einem Moslem benannt wird. Und die Stadt so ein weiteres sichtbares Zeichen ihrer muslimischen Bewohner bekommt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2008)

Vom Juden zum Moslem: Wer war Muhammad Asad?
13.04.2008 | 18:06 |   (Die Presse)
Der Pate von Wiens erstem nach einem Moslem benannten Platz war Journalist, Diplomat und Theologe.
WIEN (eko). „Die Benennung ist eine Provokation“, hörte man aus der FPÖ, als die Kulturkommission im Wiener Rathaus den Beschluss fasste, Muhammad Asad einen Platz zu widmen. Das sei in Zeiten des Islamismus ein unsensibler Schritt. „Das ist ein wichtiger symbolischer Schritt als Ausdruck des Respekts und gegenseitigen Verständnisses“, sagt hingegen Günther Windhager, Verfasser einer Biografie jenes Mannes, der in den zwanziger Jahren vom Judentum zum Islam konvertierte und zu einem der wichtigsten Denker der muslimischen Welt wurde.

Der Werdegang des Leopold Weiss – so sein ursprünglicher Name – ist es, der den Sohn einer Rabbiner-Familie so interessant macht. 1900 in Lemberg in der heutigen Ukraine geboren, zog er mit den Eltern 1914 nach Wien, wo er zur Schule ging, einige Semester studierte und sich im Kreis der Wiener Kaffeehausliteraten aufhielt – mit Anton Kuh und Milan Dubrovic, dem späteren Chefredakteur der „Presse“, verband ihn eine Freundschaft.
Ein Teil der literarischen Bohème blieb er, als er 1920 nach Berlin zog, wo er als Journalist arbeitete. Schon damals quälten ihn die politischen und gesellschaftlichen Zustände, sein jüdischer Glaube konnte ihm keine Antworten geben. So war seine erste Reise in den Orient – sein Onkel hatte ihn nach Jerusalem eingeladen – ein Wendepunkt. Der Islam schien ihm ein Gegenpol zum Materialismus der westlichen Welt zu sein. 
Gleichzeitig zeigte er sich kritisch gegenüber dem Zionismus und der britischen Kolonialpolitik, die er bei Reportage-Reisen hautnah miterlebte. „Er hatte ein starkes Gerechtigkeitsempfinden“, meint Biograf Windhager, „er trat dafür ein, dass die islamischen Länder als gleichberechtigte Partner mit dem Westen auftreten“.
Nach einer zweiten Orient-Reise als Korrespondent der Frankfurter Zeitung kehrte er 1926 nach Berlin zurück, wo er zum Islam konvertierte und sich fortan Muhammad Asad nannte. Unter diesem Namen lebte er zunächst mehrere Jahre in Saudi-Arabien – als persönlicher Freund des Königs und späteren Staatsgründers Ibn Saud. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat Asad in den diplomatischen Dienst Pakistans ein und wurde erster pakistanischer Gesandter bei der UNO in New York.


Kritik an den Herrschenden
Aber nicht nur auf dem politischen Parkett bewegte er sich, sondern auch im religiösen Bereich machte er sich einen Namen. Mit seinen Veröffentlichungen wurde er einer der bedeutendsten islamischen Autoren der modernen Zeit. Besonderen Stellenwert hat seine kommentierte Koran-Übersetzung ins Englische.
Asad gilt als Grenzgänger zwischen den Kulturen, der immer um einen – in Anlehnung an einen Koranvers – Weg der Mitte bemüht war. Er lieferte Denkanstöße für ein islamisch-demokratisches System und setzte sich für den Dialog zwischen dem Islam und dem Westen ein. Dank bekam er dafür kaum, im Gegenteil – in einigen islamischen Ländern wurde er sogar als Ketzer betrachtet, seine Schriften sind vielerorts verboten. Kein Wunder, eckte er doch mit Kritik an den Herrschenden massiv an. So attackierte er etwa in einem Interview den iranischen Revolutionsführer Ayatollah Khomeini, dass dieser mit dem Islam nichts gemein habe.
Letztlich ist der 1992 gestorbene Visionär mit seiner Vorstellung eines religiös inspirierten gesellschaftlichen Reformprojekts gescheitert. In Zeiten, in denen beim Begriff Islam vor allem an Terrorismus und Fundamentalismus gedacht wird, lohnt es sich allerdings durchaus, sich mit Asads Persönlichkeit und seinem Werk näher zu beschäftigen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2008)

15.04.2008 | 18:32 |  JUDITH LECHER (Die Presse)Vorurteile, Ignoranz und Machtpolitik: Das sind laut Talal Asad die Gründe der Islamfeindlichkeit, die im Westen weit verbreitet sei. Der Vater des Anthropologen, Muhammad Asad, gilt als einer der „Brückenbauer“ zwischen Islam und dem Westen. Am Montag wurde dem Journalisten und Theologen, der vom Judentum zum Islam konvertierte, der Platz vor der UNO-City gewidmet. Es ist der erste Ort Wiens, der nach einem Moslem benannt wurde.„Das ist eine starke symbolische Geste“, sagte Talal Asad am Montagabend bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Die Europäer und der Islam – Zwischen Faszination und Ablehnung“. Tatsache sei jedoch, dass der Westen noch immer ein Problem mit dem Islam habe. „Wenn ein Moslem nach Europa kommt, wird erwartet, dass er sich europäisiert. Aber wenn ein Europäer Moslem werden will, fragen alle ganz verwirrt: Wieso?“ Diese Ablehnung habe seit den Anschlägen vom 11. September 2001 zugenommen, vor allem in den USA. Seither werde die Angst vor Moslems in Filmen und Medien geschürt, was Vorurteile der US-Bevölkerung noch fördere. „Die USA“, so der Kulturanthropologe wörtlich, „sind eines der beschränktesten Länder der Welt.“ Zustimmendes Murmeln von den gut 300 Besuchern, die meisten davon Moslems. Der Professor der University of New York City legte nach: Die Nürnberger Rassengesetze gingen auf die Sklaverei der USA zurück. Den Einwurf von Moderator Rainer Nowak, Wien-Ressortleiter der „Presse“, dass zu den Nürnberger Rassengesetzen doch auch Konzentrationslager gehört hätten, nahm Asad zur Kenntnis, beharrte aber auf den Vergleich.Und wäre das demokratische System der USA nicht zu kompliziert, hätte die Regierung unter George W. Bush längst ein faschistisches Regime errichtet, so Asad. Auch Jurist Alfred Noll kritisierte Bush: „Der 11. September hätte kein Anlass sein müssen, die Nahost-Politik zu ändern.“ Der Hintergrund sei rein machtpolitisch gewesen, so Noll. 9/11, meinte der Wiener Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker, hat auch in Europa das Bild des Islam geprägt. „In den 1970ern hat der Sufismus als mystische Strömung des Islams die Europäer fasziniert.“ Derzeit diskutiere man nur noch, wie man die muslimische Minderheit dazu bringen könne, „brave Europäer“ zu werden. Europa solle stattdessen den Islam als Normalität begreifen. „Es kann nicht sein, dass sich Muslime dafür rechtfertigen müssen, dass sie gleichberechtigt sein wollen.“

0
0
0
s2sdefault