Wiener Zeitung - Die Schule und das Kopftuch

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"Wiener Zeitung" Nr. 27 vom 07.02.2008                      Seite: 10

Ressort: Wissen 

Von Stefan Beig

Debatte um die Turn- und Schwimmkleidung muslimischer Schülerinnen

in Österreich

Die Schule und das Kopftuch

Politisches oder religiöses Symbol? Wien: Musliminnen haben einen eigenen Schwimmunterricht.
Wien. Richtlinien für den Turnunterricht mit muslimischen Schülerinnen sorgten in Salzburg letztes Wochenende für Wirbel. In einem Brief an Schuldirektionen und Bezirksschulräte teilte der Landesschulrat mit, dass das Tragen des Kopftuchs auch im Turnunterricht erlaubt ist. Weiters können muslimische Schülerinnen beim Schwimmunterricht einen Ganzkörper-Schwimmanzug tragen.
Der Brief sei "eine Orientierung für Pädagogen", betont Herbert Gimpl, Präsident des Landesschulrats für Salzburg. "Oberstes Ziel war die Verringerung von Gefahrenpotentialen im Sportunterricht." Bei den Vorgaben habe man sich an einem Erlass des Bildungsministeriums orientiert, demzufolge die Einschränkung religiöser Gebote durch außerkirchliche Stellen unzulässig ist.
"Das Tragen des Kopftuchs kann nur im Hinblick auf mögliche Gefahren beim Turnen eingeschränkt werden", sagt Petra Hafner, Pressesprecherin von Bildungsministerin Claudia Schmied. "Im Turnunterricht tragen die Mädchen eine Kopfbedeckung, welche die Sicherheitsbestimmungen erfüllen muss", erklärt Omar Al Rawi, Wiener SPÖ-Landtagsabgeordneter und Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ).
Ansonsten ist das Kopftuch in Österreich im Unterricht erlaubt. "Bisher hat das Kopftuch in der Schule keine großen Probleme verursacht", betont etwa der Präsident des Landesschulrates für Oberösterreich, Fritz Enzenhofer. "Wenn Fragen auftreten, werden die meistens individuell mit den Eltern geklärt." Ähnlich äußern sich die Landesschulratspräsidenten in den anderen Bundesländern.
Streit auch in der Türkei
Im Gegensatz zu Österreich tobt gerade in der Türkei ein heftiger Kopftuchstreit, seit Premier Tayyip Erdogan das Kopftuchverbot abschaffen will. Streitfrage ist, ob das Kopftuch ein politisches oder ein religiöses Symbol ist. Zur allgemeinen Überraschung erklärte Erdogan vor zwei Wochen in Madrid, das Kopftuch könne auch als politisches Zeichen aufgefasst werden. "Auch politische Symbole dürfen nicht verboten werden", rechtfertigte er sich.
"Endlich hat er es zugegeben", schrieb darauf der regierungskritische Kolumnist Bekir Cobkun von der Tageszeitung Hürriyet. "Jetzt hat Erdogan endgültig bewiesen, dass er die Religion für seine politischen Manöver schamlos ausnützt, um seine politischen Interessen durchzusetzen."
Ob das Kopftuch überhaupt religiöses Gebot ist, ist auch unter Österreichs Muslimen strittig. "Generell bin ich gegen jeden Zwang", meint Al Rawi. "Nach meinem Verständnis ist das ein Gebot. Allerdings soll jede Frau für sich entscheiden, ob sie es einhalten möchte, keine Frau soll zum Tragen gezwungen werden."
Beim Schwimmunterricht tauchen neue Probleme auf. Da Schwimmkurse in öffentlichen Bädern stattfinden, sind sie nämlich nicht wirklich geschlechtergetrennt. Wien geht hier seit 15 Jahren einen eigenen Weg. Der Stadtschulrat organisiert jedes Sommersemester in Absprache mit der IGGiÖ einen eigenen Badekurs für muslimische Mädchen im Jörgerbad. "Die Teilnahme am Schwimmunterricht ist Pflicht", erklärt Al Rawi. "Mädchen, die aus religiösen Gründen nicht im Badeanzug mit Burschen unterrichtet werden möchten, müssen an diesem Kurs teilnehmen."
"Von schulischer Seite besteht die Empfehlung, sich dem normalen Schulunterricht einzugliedern", erklärt Sonja Spendelhofer, Wiener Fachinspektorin für Bewegungserziehung. "Lehrer kennen nämlich einen Schüler viel besser, wenn sie ihn das ganze Jahr über unterrichten. Dieses Angebot besteht daher nur aus Rücksicht für die Religion." Rund 40 Musliminnen besuchen jährlich den separaten Kurs im Jörgerbad.
Parallelgesellschaft statt Integration? Günther Ahmed Rusznak, Generalsekretär des Islamischen Informations- und Dokumentationszentrums in Österreich (IIDZ-Austria), meint: "Ein gemeinsamer Turn- und Schwimmunterricht ist unter Beachten der österreichischen Gesetze für die Integration der Muslime sehr wichtig."


Bild: Vom Turnunterricht abgesehen ist das Kopftuch in der Schule kein Thema. gf 

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