"Der Islam entfremdet" - Streitgespräch - Falter 15/04 vom 07.04.2004

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"Der Islam entfremdet" 
Originaltext aus Falter 15/04 vom 07.04.2004
ISLAM  Die Terrorwelle bringt Europas Muslime ins Zwielicht. Sind ihre Ghettos Keimzellen von Rassismus und Antisemitismus? Verachten die Muslime die westlichen Werte? Oder grenzt sie vielmehr die Gesellschaft aus? Ein runder Tisch zur islamistischen Bedrohung. GERALD JOHN und FLORIAN KLENK
 
Muslime haben in der westlichen Welt derzeit nicht das beste Image: Islamistische Terroristen zünden nun auch in Europa verheerende Bomben im Namen Allahs. Erst vergangenen Sonntag sprengten sich in Madrid vier mutmaßliche Attentäter des Massakers vor dreieinhalb Wochen in die Luft, als die Polizei sie verhaften wollte. Einen Polizisten rissen sie mit in den Tod. Wenige Tage zuvor publizierte die europäische Union eine Studie, die "junge Muslime" als Täter antisemitischer Übergriffe ausweist. Was geht da in den islamischen Vierteln der europäischen Großstädte vor sich? Darüber diskutieren Bülent Öztoplu, Leiter des Integrationsvereins Echo, SPÖ-Gemeinderat Omar Al Rawi, die Sozialarbeiterin Betül Yalciner vom Verein Wiener Jugendzentren und Hassan Mousa von der österreichisch-islamischen Gesellschaft für Bildung und Kultur (ÖIG), die islamische Schulen in Wien betreibt. 


Falter: Herr Öztoplu, Sie bemühen sich um die Integration jugendlicher Immigranten. Bedroht der Islam Ihre Arbeit?

Bülent Öztoplu: Der politisierte Islam schon. Er tritt nicht nur als Glaube auf, sondern stellt auch politische Ansprüche. Er übt starken Einfluss auf die Jugendlichen aus. Dabei verstärkt er nicht nur das "Wir"-Gefühl, sondern schürt auch Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus. Die Verstärkung des politischen Islam entfremdet die Jugendlichen von den europäischen Werten. 

Omar Al Rawi: An dieser Entfremdung ist doch nicht der Islam schuld, dafür trägt die Gesellschaft die Verantwortung. Wir müssen uns fragen, warum es dieses Gefühl der Ausgrenzung gibt. Der Islam bietet den Jugendlichen eine eigene Identität und eine zweite Heimat an. Die Herausforderung ist, wie wir all die muslimischen Vereine, die eine große soziale und gesellschaftspolitische Rolle spielen, ins Boot holen. 

Entsteht in Wien eine Parallelgesellschaft?

Betül Yalciner: Diese Tendenzen gibt es, auch weil die wirtschaftliche Lage schlechter wurde. Es gibt eine neue Belastung durch Armut. Vor zehn, 15 Jahren konnte man den Jugendlichen sagen: Wenn ihr eine gescheite Ausbildung macht, werdet ihr auch einen Job bekommen. Das ist heute nicht mehr der Fall. Die Lebensläufe sind brüchig geworden, die Aufstiegsmöglichkeiten gering. Die Staatsbürgerschaft bedeutet noch lange nicht gleiche Chancen. Immer mehr Jugendliche greifen deshalb auf religiöse Werte zurück, die sie in der Familie angeboten bekommen. Ich erlebe eine Abschottung.

Hassan Mousa: Weil den Schwachen in der Gesellschaft nichts anderes übrig bleibt, als sich eine Gemeinschaft zu suchen! Ich selbst habe die höchste Ausbildung genossen, dennoch bleibe ich immer der Ausländer. Die Ursache für die Parallelgesellschaft ist nicht die Religion.

Yalciner: Religiöse Werte werden dabei aber instrumentalisiert. Der Druck auf Frauen, ein Kopftuch zu tragen, ist in den letzten Jahren ziemlich gestiegen, auch wenn das Gebot meistens nicht ausdrücklich ausgesprochen wird. Frauen erzählen mir, dass sie niemand mehr besucht, weil sie kein Kopftuch tragen. Sie werden ausgeschlossen.

Al Rawi: Dagegen wird aber auch etwas getan. Im Rahmen der islamischen Föderation in Wien gibt es Bildungskurse. Bei einem Kurs war ich dabei, da trug eine einzige Frau kein Kopftuch. Schief angeschaut wurde sie trotzdem nicht, im Gegenteil, sie hat mit den anderen Frauen gelacht und getratscht. Man soll die Probleme nicht unter den Teppich kehren, es gibt natürlich Nachholbedarf. Aber Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.

Öztoplu: Schön, dass Sie Nachholbedarf zugeben. Aber ihre Beispiele sind sehr wenige Blumen in einem großen Garten. Es gibt sehr pragmatische moslemische Gruppen, das stimmt. Die enorme Mehrheit aber, die Arbeiterklasse, will dieses Spiel nicht mitmachen und empfindet wichtige europäische Werte als Belastung.

Yalciner: Sogar als Bedrohung!

Öztoplu: Viele Muslime sehen nur die negativen Aspekte der europäischen Zivilisation: den Zerfall der Familie, Kinderlosigkeit, Drogenmissbrauch, Einsamkeit durch Individualisierung. Deshalb zieht sich die Mehrheit der islamischen Immigranten in die Ghettos zurück - und wirft die Errungenschaften der westlichen Gesellschaft auch gleich auf den Müll. Das Desinteresse an Werten wie Toleranz, Zivilcourage, Antirassismus oder Liberalismus steigt ständig. Viele junge Muslime wollen zwar vom Wohlstand profitieren, nehmen aber die Pflichten nicht ernst, weil hier ja nur Ungläubige leben. Das sind erschreckende Entwicklungen. 

Al Rawi: Da muss ich widersprechen. Die Muslime wollen dieser Gesellschaft liebend gerne etwas geben. Sie zahlen Steuern, leisten Wehrdienst und würden alle gerne bei Wahlen kandidieren. Warum fühlen sich diese Jugendlichen denn ausgegrenzt? Haben sie wirklich die gleichen Chancen? Schauen wir uns doch ihre triste Wohnsituation an! Schauen wir uns die diskriminierenden Gesetze an, die nur einen Elternteil am Arbeitsmarkt zulassen! Diese Leute wachsen in Armut auf. Sie lernen schlecht Deutsch. Auch in den Medien finden sie sich nicht wieder, deshalb weichen sie auf Satelliten-Programme und ausländische Zeitungen aus. Wenn die Gesellschaft ihnen nicht alle Chancen gibt, werden sie nie Teil der Gesellschaft werden. 

Öztoplu: Die Islamisten versuchen doch, die Menschen in ihren Ghettos zu halten. Sie machen zwar Sozialarbeit, stärken aber vor allem das Gemeinschaftsgefühl. Immer mehr junge Muslime verstehen sich heute als Opfer der Christen, der Amerikaner oder der Juden und legitimieren Gewalttätigkeit ideologisch. Aus diesen Ghettos schöpft der politische Islam die Kräfte, um seine Interessen 2000 Kilometer weit entfernt durchzusetzen.

Al Rawi: Die Islamischen Vereine und Moscheen in Wien sind doch nicht irgendwelche Geheimlogen, die Jugendliche von der Straße holen, um sie zu instrumentalisieren! Das kann ich so nicht im Raum stehen lassen. Es gibt Feriencamps, wo die Jugendlichen wandern, Skifahren und Snowboarden, aber auch gemeinsame Gebete verrichten. Auch die Roten Falken, die Pfadfinder und die Jungschar veranstalten Sommerlager.

Öztoplu: Manche dieser Vereine beeinträchtigen Meinungsfreiheit und Glaubensfreiheit. In der türkischen Szene etwa gibt es viele Moscheen, die sich politisch stark engagieren. 

Al Rawi: Dieses Engagement ist aber sehr unterschiedlich. 

Öztoplu: Ja, aber es gibt einen roten Faden: Sie trennen zwischen Gläubigen und Ungläubigen. 

Al Rawi: Verfallen wir doch nicht in typische Stereotype! Das erinnert mich ja fast an den Irak, wo ich aufgewachsen bin. Wenn dort einer nicht Mitglied der Baath-Partei war, gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder er wurde als Kommunist oder Islamist diffamiert. Nicht alle Muslime, die beten, sind Anhänger der El Kaida. 

Eine neue EU-Studie konstatiert steigenden Antisemitismus bei Europas Muslimen. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen? 

Mousa: Ich glaube nicht, dass der Antisemitismus wächst. Wir Muslime glauben an alle drei Propheten und machen keine Unterschiede zwischen den Religionen. Wir versuchen, die Werte der Toleranz zu vermitteln. 

Warum sind dann die Theorien von einer jüdischen Verschwörung am 11. September unter Muslimen so weit verbreitet? 

Öztoplu: Das ist ein Resultat des von den Islamisten geförderten Opfermythos.

Al Rawi: Ich will jetzt umgekehrt nicht anfangen, all die antisemitischen Klischees der Österreicher aufzuzählen. An sich ist der Islam die Antithese zu Rassismus. Eines ist aber Tatsache: In der muslimischen Gemeinschaft herrscht ein großes Manko an politischer Bildung. Dazu kommen Blauäugigkeit und mangelnde Sensibilität. Ein nicht integrierter Orientale weiß nicht, was Antisemitismus in Österreich und Deutschland bedeutet. Sie fallen leicht auf Menschen herein, die in trüben Gewässern fischen. Das wird sich aber nur ändern, wenn sich die beiden Partner halbwegs gleichberechtigt gegenüberstehen.

Warum demonstrieren Muslime in Wien immer nur gegen Israel und nicht etwa gegen die russische Unterdrückung der Tschetschenen oder brutale Regimes wie jenes in Saudi-Arabien?

Mousa: Sie vergleichen zwei verschiedene Dinge. In Israel findet eine Okkupation statt. Die Leute sehen, was dieser Staatsterrorismus im Gaza-Streifen anrichtet, wie dort tagtäglich Menschen getötet werden. Und von der Weltöffentlichkeit gibt es keine Reaktionen. Da können wir nicht die Augen verschließen. Wir können dieses "Wir"-Gefühl nicht einfach ausschalten.

Die Russen gehen in Tschetschenien keineswegs zimperlicher vor. In Saudi-Arabien werden Menschen gesteinigt und geköpft. Warum gibt es dagegen keine Demos?

Al Rawi: Die gibt es schon. Die Muslime in Wien schimpfen sehr wohl auch über die eigenen Regierungen. Viele von ihnen sind ja vor diesen geflüchtet. Auch bei den Demos für Marcus Omofuma und Cheibani Wague waren die Muslime dabei, genauso haben sie gegen Schwarz-Blau demonstriert und beim Sozialstaatsvolksbegehren mitgemacht. Nur werden sie in solchen Fällen nicht als Muslime wahrgenommen.

Öztoplu: Das sind doch kleine Ausnahmen, die man bitte nicht verallgemeinern soll. Mag schon sein, dass eine kleine Gruppe gegen die schwarz-blaue Regierung demonstriert hat. Man muss aber festhalten, dass der Islam politisiert. Ich will, dass der Islam in den Moscheen bleibt und das Christentum in den Kirchen. 

Al Rawi: Es ist eine Illusion zu glauben, dass ein Mensch seinen Glauben an der Garderobe abgibt. Warum sollte nicht auch jeder Muslim politisch denken?

Öztoplu: Die Muslime wählen aber nicht als Individuum, sondern geben ihre Stimme als Mitglied der islamischen Gesellschaft ab. Auch Sie, Herr Al Rawi, sind als Vertreter der Muslime angetreten. 

Al Rawi: Nein, ich bin ein Kandidat der SPÖ.

Öztoplu: Der die gesamte islamische Gemeinde vertritt. 

Al Rawi: Ich habe natürlich Zielgruppenwahlkampf gemacht. Doch es gab sicher keinen Befehl, mich zu wählen. 

Mousa: Auch die Volkspartei nennt sich christlichsozial. Es gehört zur politischen Landschaft, mit religiösen Symbolen zu agieren. Es gibt keine bestimmte muslimische Fraktion, wir schätzen alle politischen Parteien. Wir wollen auch, dass sich die Leute für dieses Land interessieren. Aber das ist schwierig, weil unsere Mittel immer knapper werden. Dabei ist unser Schulprojekt die beste Integration.

Wäre es nicht besser, wenn die Kinder in österreichische Schulen gehen?

Mousa: Man sollte nicht übertreiben. Das Angebot ist ohnehin gering. Wir haben in Österreich 15 jüdische Schulen, über 200 katholische Schulen, aber nur drei muslimische konfessionelle, obwohl allein in Wien über 100.000 Muslime leben. Außerdem findet unser Unterricht ja nach dem österreichischen Lehrplan statt. Die Kinder können dazu den Koran und die Sprachen Arabisch, Türkisch oder Bosnisch lernen. Wir wollen, dass die Kinder nicht ihre Wurzeln verlieren. 

Al Rawi: Zu den größten Sorgen der Einwanderer zählt, die Sprache zu verlernen und die Identität zu verlieren. Früher haben viele arabische Eltern ihre Kinder in eine saudische oder libysche Schule ohne Öffentlichkeitsrecht und ohne Deutschunterricht geschickt - oder gleich in ihre Heimat. Da bin ich heilfroh, dass es als Alternative nun eine Privatschule mit öffentlichem Lehrplan gibt. 

Es gibt immer wieder Berichte, dass islamische Religionslehrer sich dafür einsetzen, dass die Kinder nicht auf Ferienlager fahren oder gemeinsam schwimmen gehen. 

Mousa: Ich kann Ihnen nur von meinen Kindern berichten. Wir machen Ausflüge, gehen Skifahren. 

Auch Schwimmen?

Mousa: Nein, das nicht. Ab einem gewissen Alter werden Buben und Mädchen getrennt, wenn das die Eltern wollen.

Müssen Frauen ein Kopftuch tragen?

Mousa: Eine Frau kann selbst wählen, ob sie ein Kopftuch trägt oder nicht. Das ist ihre individuelle Entscheidung, für die sie zur Verantwortung gezogen wird. 

Falter: Von wem?

Mousa: Vom lieben Gott. Die islamische Lehre sagt, dass eine Frau den Kopf bedecken muss. 

Yalciner: Ein junges Mädchen hat bestimmt nicht die Möglichkeit, das selbst zu entscheiden. Ich setze das Kopftuch nicht automatisch mit Unterdrückung gleich, aber natürlich wird es auch immer wieder von der Familie und der Gesellschaft aufgezwungen.

Unterläuft der Islam das Prinzip der Gleichstellung von Mann und Frau?

Yalciner: Ja, das ist sicher ein Problem. Allgemein herrscht die Meinung vor, dass Frauen ohne Kopftuch "leichte Mädchen" sind. Das hat bis vor einigen Jahren auch die islamische Glaubensgemeinschaft vertreten. Mittlerweile hat sie sich glücklicherweise davon distanziert.

Al Rawi: Das ist eine positive Entwicklung, die man auch wahrnehmen muss. 

Yalciner: Theorie und Praxis klaffen aber nun einmal auseinander. Hinter dem Kopftuch steht ein patriarchalischer Gedanke, der jetzt wieder im Vormarsch ist. Viele Jugendliche wünschen sich, dass ihre Frauen Kopftuch tragen. Warum, frage ich? Die Antwort ist: Weil sie eine ehrenhafte Frau sein soll. Wenn man die entsprechenden Verse im Koran liest, ist es offensichtlich: Die Frau wird auf ihre Sexualität reduziert, die Verhüllung soll ihr Schutz geben. Doch in einer modernen Gesellschaft braucht man diesen Schutz nicht. 

Al Rawi: Die Frauen tragen Kopftuch, weil es religiöse Praxis ist. Alle anderen Gründe, die Sie nennen, sind in der Regel aufgeschnappte Ausreden wegen des Drucks, sich zu rechtfertigen. Manche tragen es auch aus persönlichen Erfahrungen: Eine Türkin hat mir erzählt, dass sie jeden Tag in der S-Bahn von Männern belästigt wurde. Erst als sie ein Kopftuch verwendete, hatte sie ihre Ruhe.

Dann könnte man Frauen auch sagen: Zieh dir keinen Minirock an, dann wirst du auf der Straße nicht angequatscht. Das ist doch sexistisch.

Yalciner: Stimmt. Ich komme auch aus einer traditionellen Familie. Mir wurde gesagt: Benimm dich wie ein Bub, setz einen strengen Blick auf, dann darfst du vieles machen. Nach dieser Logik gewährt das Kopftuch vielen Frauen ein Stück Freiheit von der Familie. Sie dürfen dann ausgehen, weil sie ja als ehrbare Frauen gelten.

Soll das Kopftuch in Schulen verboten werden?

Yalciner: Nein. Emanzipation kann man nicht von oben verordnen. Ich finde die österreichische Lösung, alles auszuhandeln, gut - Sozialpartnerschaft für das Kopftuch!

Al Rawi: Zur Emanzipation braucht man andere Voraussetzungen: Bildung und Beruf. Ein Kopftuchverbot würde sowohl die Bildung als auch die Ausübung des Berufes verhindern.

Öztoplu: Ein Verbot führt nur zur Radikalisierung. Die Islamisten hätten ein neues Argument, um sich als Opfer darzustellen. 

Auch die Bibel schreibt den Schleier vor. Warum schafft es der Islam nicht, die Auslegung seiner religiösen Gebote zu modernisieren?

Al Rawi: Diese Modernisierung gibt es, man will sie nur nicht wahrhaben. Man redet nur dann von einem liberalen Muslim, wenn er Alkohol trinkt, seine Religion nicht ausübt und nach dem Motto "anything goes" lebt. Aber auch unter den praktizierenden Muslimen gibt es eine riesige Palette, von streng fundamentalistisch bis liberal.

Aber es gibt doch einen Backlash. Die Reformbewegungen der islamischen Welt waren vor einigen Jahrzehnten schon weiter.

Al Rawi: Viele davon wurden leider von diktatorischen Regimen brutal niedergewalzt. Diese negative historische Entwicklung gab einer modernisierten muslimischen Bevölkerung keine Chance. Dennoch ist viel weitergegangen. Ich habe zum Beispiel bis heute keinen Türken getroffen, der nicht für den Beitritt der Türkei zur EU plädiert - praktizierende Muslime eingeschlossen. Das war vor fünf Jahren noch anders. Viele positiven Entwicklungen in der Türkei sind gerade unter einer gemäßigten islamistischen Partei passiert: der Ausbau von Minderheitenrechten, die Zurückdrängung des Militärs, die Entspannung in der Zypernfrage. Ich kenne keinen muslimischen Verein in Wien, deren Vorsitzende bei Wahlen nicht um Stimmen kämpfen müssen. Manche Vereine haben auch eine starke Frauenabteilung. Ich war bei einer Veranstaltung in der riesigen Halle im Gasometer. Da saßen nicht mehr nach altem Strickmuster die Männer vorne und die Frauen hinten. Getrennt waren sie zwar schon - aber zumindest in rechts und links.

Öztoplu: Oft geht es dabei aber mehr um Opportunismus als Pragmatismus. Ein Beispiel: Ein Türke nimmt seine Kinder mit, als er um die österreichische Staatsbürgerschaft ansucht. Die Beamten sind entzückt: "Ihre Kinder sind ja so brav und anständig", sagen sie. Er antwortet: Weil ich sie türkisch erzogen habe. Das ist ein opportunistisches Ziel: Ich nehme mir Wohlstand und die Rechte, möchte mich aber nicht integrieren.

Weil die österreichische Gesellschaft das nicht zulässt? Oder weil sich die Muslime abkapseln?

Yalciner: Beides. Das ist wie mit der Henne und dem Ei.

Öztoplu: Ein neues Problem ist auch die Polarisierung. Der Islam steht im Schaufenster - jede Regung wird kritisiert. Das ist eine gewisser Fetischismus. 

Der Grund dafür sind die Terroranschläge.

Al Rawi: Aber warum muss ein Muslim in Österreich den Kopf für irgendwelche Verfehlungen in Saudi-Arabien oder Afghanistan hinhalten? Passiert ein Terroranschlag, wird er sofort gefragt, ob er ein Schläfer ist. Die Muslime haben ständig einen hohen Adrenalinspiegel, weil das Kopftuch oder das Schächten verboten werden könnten. Solange es diesen Druck gibt, werden sie sich in die Ghettos zurückziehen. Die eurozentristische Denkweise spricht den Muslimen erst dann Modernität zu, wenn sie so wie wir geworden sind. Die Erneuerung muss aber aus dem Islam herauskommen.

Doch diese "Erneuerung" scheint momentan eher rückwärts gewandt zu sein.

Al Rawi: Das sehe ich nicht so.

Öztoplu: Ich sehe das in Europa schon. Die zweite und dritte Generation der muslimischen Einwanderer hat immer weniger Kontakte zur europäischen Gesellschaft. Es gibt kaum noch Durchlässigkeit zwischen den Gemeinschaften. Die multikulturelle Gesellschaft ist zur Falle geworden.
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