Der rote Muslim - Portrait von Omar Al-Rawi - Falter 15/04 vom 07.04.2004

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"Falter" Nr. 29/07 vom 18.07.2007 Seite: 14
Ressort: Politik
 
Julia Ortner
 
Muslime in Wien

 
Der rote Muslim
 
   SPÖOmar Al-Rawiist Vorzeigemuslim und Michael Häupls Verbindungsmann zur islamischen Glaubensgemeinschaft. Kriegt er den Spagat zwischen Koran und Sozialdemokratie hin?
 
   Omar Al-Rawiund seine Abaja, ein schwieriges Kapitel. Anziehen als Gag ja, damit fotografieren lassen - nein, lieber nicht. Man will ja nicht als Pascha rüberkommen, im schwarzen bodenlangen islamischen Gewand mit Goldstickerei, bei dem die Leute gleich denken: Vorsicht, Mullah! Also zieht Al-Rawi das Familienerbstück schnell wieder aus und posiert so für den Fotografen, wie er immer ausschaut. Der Herr Bauingenieur, mit dunkler Anzughose, weißem Hemd, dezenter Krawatte. Seine weitläufige Eigentumswohnung, im grünen Teil Meidlings gelegen, würde wohl kaum als finstere Islamistenhöhle durchgehen. Bei den Al-Rawis schaut es eher so aus wie im Leiner-Katalog, Abteilung modern & kuschelig. Nur die paar arabischen Kalligrafien an den Wänden erinnern an die alte Heimat des 46-Jährigen, Bagdad. Al-Rawi ist ein Typ, der sich lieber bedeckt hält, Motto: bloß keine Wellen. An seinem Arbeitsplatz, der Baufirma Strabag, verschwindet er regelmäßig diskret ins Computerkammerl. Nur wenn die Kollegen neugierig fragen, was er dort so oft treibt, sagt er: beten. Und zwar fünfmal am Tag, wie es der Koran vorschreibt.
 
   Die Tür zu seinem Privatleben öffnet Al-Rawi nur zögernd. Als Politiker und Interessenvertreter ist er dafür umso umtriebiger. Wenn wieder einmal ein islamistischer Terroranschlag die Welt erschüttert, der Irak brennt oder die FPÖ gegen Muslime hetzt, ist der Mann mit dem Vollbart und dem onkelhaften Lächeln zur Stelle. Er analysiert die Lage und beruhigt die Österreicher, im "Zeit im Bild"-Studio oder in Zeitungskommentaren. Der Vorzeigemuslim kam 1978 zum TU-Studium nach Wien, 1980 floh er vor Saddam Husseins Regime endgültig nach Österreich, 1999 wurde er Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft und seit 2002 ist Al-Rawi Gemeinderat der Wiener SPÖ. Im vergangenen Nationalratswahlkampf verhalf ihm dann ausgerechnet Peter Westenthaler zu noch mehr Bekanntheit. Der BZÖ-Chef wachelte bei einer TV-Konfrontation aufgeregt mit dem Fakebrief einer Medienguerillagruppe herum und behauptete, Al-Rawi habe in diesem die skandalöse Forderung "Halbmonde statt Gipfelkreuze auf Bergspitzen!" erhoben.
 
   Seitdem Al-Rawi bei der Wiener Wahl 2001 mit 2558 Vorzugsstimmen das drittbeste Ergebnis einfuhr, holt er bei jeder Wahl mehr Stimmen aus den Moscheen und gilt als Verbindungsmann zwischen Michael Häupls SPÖ und der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Auch wenn sich Al-Rawi selbst Vertreter "eines gemäßigten Wegs im Islam" nennt, ist seine Doppelrolle als sozialdemokratischer Politiker und Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft umstritten. Wie gehen Koran und SPÖ zusammen? Kann ein Politiker diesen Spagat überhaupt hinkriegen? Oder braucht es einen wie Al-Rawi als ausgleichendes Element zwischen den Kulturen?
 
   Al-Rawi lebt in zwei Welten, ein Zerrissener sei er aber nicht, meint er. "Jeder hat mehrere Identitäten. Ich bin Österreicher, Orientale, Europäer, Meidlinger, Sozialdemokrat, Muslim." Seit der Flucht aus dem Irak lebt er im 12. Bezirk. Vom Wohnzimmer aus schaut man durch die Bäume zum parteieigenen Renner-Institut hinüber, ein paar Straßen weiter liegen die Gemeindebaufluchten des Schöpfwerks, klassische Arbeitersiedlungen. Warum verschlägt es einen religiösen Muslim gerade zur säkularen SPÖ? "Die SPÖ entspricht ganz rational betrachtet meinem Weltbild: Sie steht für soziale Gerechtigkeit, Vertretung der Arbeitnehmer, Toleranz gegenüber anderen, sie ist gegen einen Nato-Beitritt und für die Neutralität", sagt Al-Rawi. Und auch an die Sitten im roten Wien hat er sich gewöhnt. Wenn die Parteifreunde beim Heurigen ihre Achterln kippen, nippt Al-Rawi daneben am Apfelsaft, wenn die anderen Schnitzerl essen, gibt er sich das vegetarische Menü - Witze wie "Achtung, Omar, Schweinssushi!" inklusive.
 
   Dass Al-Rawis Frau ein Kopftuch trägt, sobald sie das Haus verlässt, ist kaum Thema. Nur zu Beginn der Politkarriere hat ihn einmal ein Genosse angesprochen: "Warum muss deine Frau ein Kopftuch tragen, unterdrückst du sie?" Da habe er ihm erklärt, dass sie es freiwillig tue, aus religiösen Gründen. Auch seinen vier Kindern würde er nichts verbieten, beteuert Al-Rawi. Die drei Mädchen dürfen sich schminken, haben Mechen, hören Shakira, fahren auf Schullandwochen und gehen schwimmen. Seine 14-jährige Tochter hat sich kürzlich entschieden, das Kopftuch zu tragen, um "ihren Glauben zu leben", wie Al-Rawi erklärt. Er war nicht begeistert davon: "Ich habe die Sorge, dass sie deswegen auch diskriminiert werden könnte, also habe ich versucht, sie zu überreden, diese Entscheidung erst mit ihrer Volljährigkeit zu treffen."
 
   "Jeder religiöse Menschen hat das Recht, sich politisch zu engagieren. Problematisch wird es nur, wenn jemand mit dem religiösen Bekenntnis als Fahne in der Hand kandidiert", sagt Wiens Grünen-Chefin Maria Vassilakou. "Der Einzige außer Al-Rawi, der in Österreich ähnlich agiert hat, war Andreas Khol." Vassilakou brachte Al-Rawi vor der Wiener Wahl 2001 zuerst auf die grüne Liste. Da er dort aber auf einem unwählbaren Platz landete, wechselte Al-Rawi kurz entschlossen zu den Sozialdemokraten. Auch die Konkurrenz von der ÖVP tut sich schwer mit dem roten Muslim. "Ich finde es bedenklich, dass er mit zwei Hüten auftritt,", meint Sirvan Ekici, Integrationssprecherin der Wiener Schwarzen. Al-Rawi befinde sich so in einem Spannungsfeld zwischen Modernität und dem, was die großteils traditionell geprägte Community von ihm erwarte. "Das ist eine Gratwanderung für einen religiösen Muslim", erklärt Ekici.
 
   Und wie genau nehmen Sie es denn mit der Trennung von Kirche und Staat, Herr Al-Rawi? "Das ist eine ganz klare Sache", sagt er, "als Integrationsbeaufragter der Glaubensgemeinschaft habe ich eine sozialpolitische und keine religiöse Rolle, ich bin ja kein Mufti oder Imam. Und kein Funktionär mit Stimmrecht." Er trage die Wünsche der Migranten in die Sozialdemokratie und hole die Muslime so aus ihrer gesellschaftlichen Isolation, erklärt der Politiker, der sich im Rathaus auch mit Verkehr und Stadtentwicklung beschäftigt.
 
   Abseits der Freiheitlichen mit ihrer Muezzinphobie haben alle Parteien kapiert, dass die Muslime ein interessantes Wählerreservoir sind. Wobei gerade die SPÖ das islamische Spektrum lange nicht angesprochen hat, seit den Achtzigern setzte man auf die linke, türkische, säkulare Szene. Bis mit Al-Rawi einer kam, der den Roten erstmals den Zugang zu den Moscheen erschloss. Ein kluger Schachzug der roten Strategen. Der Zulauf zur Islamischen Glaubensgemeinschaft wird in den vergangenen Jahren immer stärker, mit ihrem Bindeglied Al-Rawi haben sie die besten Karten bei den religiösen Muslimen. "In Anfangsphasen der Integrationspolitik macht es strategisch Sinn, spezielle Verbindungspersonen für Communitys aufzubauen", analysiert Migrationsforscher Bernhard Perchinig. Aber dann sei die Partei gut beraten, sich weiter zu öffnen und auch andere Zuwanderer reinzulassen. Perchinigs nüchterner Befund: "Die SPÖ hat heute niemand, der nicht alte türkische Linke oder religiöser Muslim ist."
 
   Solche politischen Fragen scheren die Leute wenig, die Al-Rawi manchmal auch in seinem kleinen Büro daheim anrufen. Nicht nur wegen Ärger mit der Gemeindewohnung, sondern auch, wenn es um Leben und Tod geht. So ist er dem Außenministerium behilflich, wenn Menschen aus dem Irak evakuiert werden sollen - dort hat er noch immer seine Kontakte und einen Teil der Verwandtschaft. In Wien ist Al-Rawi an der Realisierung des ersten islamischen Friedhofs beteiligt und hat sich vor allem als Vermittler zwischen den Welten einen Namen gemacht. So hat er den Iftar, die nächtliche Feier des Fastenbrechens im Ramadan, in die Salons der heimischen Politikpromis gebracht: Seit 2003 veranstalten Bürgermeister Michael Häupl und Bundespräsident Heinz Fischer solche Feste.
 
   Diplomatie ist überhaupt Al-Rawis Stärke. Beschwichtigen und sich von den Fundamentalisten distanzieren lautet das Rezept. Das ist zu wenig, findet Bülent Öztoplu, Jugendarbeiter und Integrationsexperte. "Immer diplomatisch sein, immer schön sprechen - aber offensiv gegen die Islamisten auftreten möchte die Glaubensgemeinschaft nicht." Vielmehr spiele man nach dem bewährten good cop, bad cop-Prinzip. "Wir sind die guten Muslime, die anderen sind die schlechten", sagt Öztoplu. Kritik am Muslimvertreter Al-Rawi ist in den politischen Kreisen abseits der FPÖ eine heikle Sache - man will ja nicht als islamophob gelten. Nur Thomas Schmidinger, Politikwissenschaftler und Obmann der im Irak tätigen Hilfsorganisation Wadi, greift Al-Rawi öffentlich an. "Ich werfe ihm Doppelmoral vor: In der Politik tut er so, als wäre er fortschrittlich und links, aber in der Community vertritt er konservative Ansichten." Schmidinger sieht Al-Rawi und die andern Leitfiguren der Glaubensgemeinschaft als "Leute, die ideologisch aus dem Eck der Muslimbrüderschaft kommen", einer fundamentalistischen Organisation, die einen politischen Islam vertritt.
 
   Solche Vorwürfe ärgern Al-Rawi: "Schmidinger gilt bekanntlich als Antideutscher, seit Beginn des Irakkriegs, den er befürwortet und ich nicht, kritisiert er mich. Jeder kann meine politische Arbeit verfolgen und sehen, dass in meiner Biografie von Fundamentalismus nichts zu bemerken ist." Und natürlich transportiere er auch wichtige Anliegen der Gesellschaft in die Community - etwa, eine Imamkonferenz zu veranstalten, aber auch in Sachen Genitalverstümmelung oder Zwangsheirat Bewusstsein zu schaffen. Doch vielleicht ist Al-Rawis Problem gar nicht das, was er sagt, sondern was er nicht sagt. Bei heiklen Fragen der Sexualmoral oder der Scharia, des islamischen Rechts, hält er sich raus. Religiöse Themen fielen nicht in seine Kompetenz, erklärt er. Homosexualität? "Das ist derzeit kein Diskussionsthema in der Glaubensgemeinschaft." Für seine Partei aber schon, die fordert die Homoehe.
 
   Trotz aller Bemühung - Al-Rawi bleibt ein Mann zwischen den Welten. Aber wer weiß, vielleicht sitzt er bald als erster Muslim im Parlament, die Ambition dazu hat er. Manchmal spürt man auch bei Al-Rawi diesen Wunsch, nicht als Muslim, sondern als einer wie alle anderen wahrgenommen zu werden. Bei einer Bürgerversammlung zum Bau des Komet-Hochhauses in Meidling sei er von wütenden Anrainern aber so was von angegangen worden, erzählt er: "Für die war ich einfach der von den Roten." Da strahltOmar Al-Rawi.
 
 
Bild:Omar Al-Rawiund sein Weltbild: "Ich bin Österreicher,
      Orientale, Europäer, Meidlinger, Sozialdemokrat, Muslim"

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