Al-Rawi beantwortet Leserfragen im KURIER

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Omar Al-Rawi beantwortet Leserfragen zum Islam

Das Thema "Islam" ist facetten-reich und deshalb nicht durch simple Erklärungen verständlich. Integrationsbeauftragter Omar Al-Rawi beantwortet exklusiv für kurier.at Ihre Fragen!» mehr

Omar Al-Rawi beantwortet Leserfragen zum Islam


Omar Al-Rawi ist seit 1999 Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Diplomingenieur, Betriebsrat und SPÖ-Landtagsabgeordneter.
Das Thema "Islam" ist äusserst facettenreich und deshalb nicht durch simple Erklärungen verständlich. Viele Mißinterpretationen führen immer wieder zu Debatten. Der Integrationsbeauftragte Omar Al-Rawi beantwortet exklusiv für kurier.at Ihre Fragen!


FRAGE:War es Ziel der ersten Moslems sich in Mekka zu integrieren und für immer dort zu leben? Wenn ja, wo kann man das nachlesen? Habs noch nicht gefunden!
Martin Baumgartner, 1230 Wien

ANTWORT:Die ersten Moslems wollten Mekka nie verlassen. Erst als sie verfolgt, gefoltert und unter Druck gesetzt worden sind, ist ein Teil der Moslems nach Abessinien (das heutige Äthiopien) ausgewandert. Später sind sie nach Medina geflüchtet (Hijra). Ihr Herz hing jedoch immer noch an ihrer alten Heimat Mekka. Der Prophet Muhammad hat sinngemäß gesagt „oh Mekka, wenn mich deine Menschen nicht vertrieben hätten, ich hätte dich nie verlassen“. Trotzdem sind die Moslems und der Prophet in ihrer neuen Heimat Medina für immer geblieben, auch nachdem Mekka moslemisch wurde. D.h. der Heimat, die sie aufgenommen hat und ihnen Schutz gewährte, sind sie treu geblieben. Aus dieser Erfahrung und dieser Tradition folgend betrachten viele Moslems ihre neue Heimat Österreich, die sie genauso aufnahm und ihnen mehr religiöse Freiheit gewährte als die ihre.


FRAGE:Warum kann eine moslemische Frau einen nicht-Moslem nicht heiraten, aber ein moslemischer Mann eine nicht-Moslemin schon? Was sind die Konsequenzen bei der moslemischen Frau?
Nadine Al-Ruhi, 1200 Wien

ANTWORT:Da ich selber kein Gelehrter bin und auch keine religiöse Funktion bekleide, darf ich hier die gängige Mehrheitsmeinung islamischer Gelehrter wiedergeben.
Hier bezieht sich die Frage auf das Heiratsrecht im religiösen Sinn und nicht auf das geltende Zivilrecht. Islamisch gesehen ist es nicht ganz richtig, dass ein muslimischer Mann eine nicht-Moslemin heiraten darf. Eine Ausnahme gibt es jedoch für die Angehörigen der jüdischen und christlichen Religion, die als Träger des Buches „Ahlulkitab“ genannt werden. Umgekehrt ist die Eheschließung einer muslimischen Frau mit Angehörigen der „Ahlulkitab“ nicht gestattet. Islamische Gelehrte begründen dies damit, dass der Islam beim Judentum und Christentum nicht als eine göttlich offenbarte Religion anerkannt wird. Und somit ist die Religionsfreiheit für die Frau nicht gewährleistet. Während die Moslems das Judentum und Christentum als göttliche Offenbarungsreli-gionen anerkennen. Sowohl Moses als auch Jesus sind hochgeehrte Gottesgesandte, die jeder/e Moslemin respektiert und schätzt. Gelehrte sagen, dass ein Moslem, der eine Frau einer anderen Religion ehelicht, ihr ihre volle Religionsfreiheit gewähren muss und er darf keinerlei Versuche unternehmen sie unter Druck zu setzen um den Islam anzunehmen. Der europäische Rat für Fatwa hat allerdings für bestehende Ehen im Falle von Konvertierung eines Ehepartners zum Islam eine weitere Bestehung der Ehe für zulässig erklärt und berief sich dabei auf alte Aussagen von Gefährten des Propheten. Im Übrigen sind multireligiöse Eheschließungen im religiösen Sinne bei den anderen vorher genannten Religionen auch keine Selbstverständlichkeit.


FRAGE:Herr Al-Rawi; im Koran sind viele Verse "nosekhat" - also durch andere Verse storniert. Zum Beispiel Sorat Al-Tobah 29, welcher Moslems befiehlt, Ungläubige und nicht-Moslems zu terrorisieren und umzubringen. Dieser eine Vers hat mehr als hundert Verse, die über friedliches Zusamenleben sprechen, STORNIERT!!! Wenn Sie über den Islam reden, warum zitieren Sie dann nur diese Verse, die nicht mehr in Kraft sind?? Oder folgen Sie vielleicht - wie viele Moslems - dem ALTAKEYYA Prinzip - die Wahrheit leugnen bis ein Ziel erreicht ist??
Anwar Shrif , 1020 Wien

ANTWORT:In der islamischen Jurisprudenz kommt das Wort „Nusichat“ vor und es bedeutet soviel wie „derogiert“ oder „durch einen anderen Vers außer Kraft gesetzt“. Es gibt leider vereinzelte, dem Konsens widersprechende Aussagen, die wie der Fragesteller behaupten, dass der besagte Vers hundert andere Verse außer Kraft gesetzt hat. Die größten und anerkanntesten Gelehrten verneinen jedoch, dass es überhaupt so etwas wie „Nusichat-Mansuch“ gibt. Wenn, dann herrscht Konsens, dass die Verse, die außer Kraft gesetzt wurden, höchstens fünf Verse sind. Keiner von denen hat mit Krieg, friedlichem Zusammenleben oder Beziehungen zu Andersgläubigen zu tun


FRAGE:Sehr geehrter Hr. Al-Rawi, ich freue mich, dass Sie uns für Fragen zur Verfügung stehen. Darum gleich zu meiner Frage: Wie steht die Islamische Glaubensgemeinschaft zu gemischtkonfessionellen Eheschließungen? Werden dabei je nach Geschlecht unterschiedliche Maßstäbe angelegt, d.h. ist es relevant ob die Frau oder der Mann Moslem ist?
Mit freundlichen Grüßen,
Rupert Zarl, 1110 Wien


ANTWORT:Zivilrechtlich gesehen gilt das österreichische Recht. Von der religiösen Seite siehe Antwort bei
Frage 2.


FRAGE:Guten Tag Herr Al-Rawi, welche Religionen waren ursprünglich in dem für Europäer "typischen arabischen Raum" (arab. Halbinsel/Nordafrika) zu finden? Wie verfuhr die islamische Lehre mit diesen (wurden, wie im Christentum üblich, einige Aspekte übernommen und dem Islam angepasst, etwas so wie bei uns Ostern?)
Thomas Leimhofer, 1170 Wien


ANTWORT:Die jüdische und christliche Religionen waren unter anderem vorhanden. In den islamischen Rechtsquellen sind unter anderem neben dem Koran, Sunna, Analogieschlüsse... etc. auch die geltenden - wie Sie es nannten - Aspekte dieser Religionen genauso ein Bestandteil der Rechtsquellen. Diese wurden teilweise übernommen, es sei denn durch einen Vers im Koran oder einer Aussage des Propheten verändert oder außer Kraft gesetzt. Als Beispiel haben die Juden in Medina einen Tag gefastet. Als der Prophet sie fragte warum sie das tun erwiderten sie, dass es sich um jenen Tag handelte, an dem Moses vor dem Pharao gerettet wurde und als Dank fasten sie an diesem Tag. Der Prophet hat sinngemäß gesagt, dass Moses auch von uns ein geschätzter Gesandter ist und riet seinen Gefährten diesen Tag auch zu fasten. Und dies tun die Moslems bis zum heutigen Tag. Genauso ist die Jungfräulichkeit Marias im Koran erwähnt und damit ein Bestandteil des islamischen Glaubens.


FRAGE:Wenn die Moslems in den europäischen Ländern eine schlechtere Schulbildung haben und eine größere Arbeitslosigkeit, warum gehen sie dann nicht in die Kirche, denn dort hätten sie ja bessere Kontakte zu den Einheimischen? Wenn man Erfolg haben will im Leben, dann muß man sich eben möglichst gut anpassen.
Erich Foltyn, 1090 Wien

ANTWORT:Gott sei dank ist die Bildung in europäischen Ländern für jeden zugänglich und vom Staat kostenlos zur Verfügung gestellt. Auch die berufliche Aus- und Weiterbildung werden von spezialisierten Institutionen wie der WIFI oder des AMS organisiert und betrieben. Soweit ich weiß, handelt es sich bei den genannten Institutionen um keine kirchlichen. Auch um Kontakt zu Einheimischen zu pflegen, muss man nicht in die Kirche gehen. Es funktioniert anders auch wunderbar.


FRAGE:Warum wird eine Religion dazu missbraucht, auf sich aufmerksam zu machen, wenn man mit seinem Leben unzufrieden ist. Als Gast in einem fremden Land (egal wo) hat man sich so zu verhalten, wie es die Gesetze vorschreiben. Feigheit ist, wenn man sich hinter der Religion versteckt. Ohne wenn und aber. Der Islam schreibt bestimmt nicht vor, Ungläubige zu töten, und die Radikalen und Aufhetzer sind egal wo und WIE zu entfernen. Frage? Was tun wir dagegen und zwar alle?????
Hans Massong, 1020 Wien

ANTWORT:Ich bin Ihrer Meinung, dass man Religionen nicht missbrauchen darf und dass man Aufhetzer - egal wovon auch immer - nicht einfach gewähren lassen soll. Muss Ihnen leider widersprechen, dass wir als Gäste in einem fremden Land sind. Wer bereits Österreicher ist, hier geboren wurde oder zwecks Arbeit oder Familienzusammenführung nach Österreich emigrierte, ist kein Gast. Wie man gegen Extremismus, Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit vorgehen kann, würde den Rahmen meiner Antwort sprengen. Sicher gehören Integration und Dialog dazu. Aber auch ein Nährboden für Extremismus darf nicht gedeihen. Dazu gehören soziale Sicherheit, Bildung, leistbares Wohnen, geringe Arbeitslosigkeit sowie friedenschaffende und gerechte Außenpolitik.

FRAGE:
Was ist Ihrer Meinung nach der konkrete Grund für Terror?
Muhammed Badr, 1220 Wien

ANTWORT:Wir könnten jetzt wahrscheinlich stundenlang mannigfaltige Gründe aufzählen und analysieren. Fest steht jedoch, dass es keinerlei politische oder religiöse Rechtfertigung für Terror und Gewalt geben darf. Leider wurde jedoch immer wieder verabsäumt den Terrorismus und nicht nur Terroristen zu bekämpfen. D.h. nicht die Ursachen sonder nur die Symptome.

FRAGE:
zum Kurier vom 31.7.05
1.) Integration in den Österreichischen Schulen - gibt es in den Islamschulen in Österreich etwa das gleiche Maß an "Integration" falls da ein nicht Moslem in die Schule geht?
2.) Die Frage, die allen im Halse steckt: Wie werden in den islamischen Ländern religiöse Gruppen behandelt - was etwa würde in Ägypten oder Marokko geschehen, wenn eine radikale christliche oder religionsfreie Gemeinde dort ein Gebetshaus oder Vereinslokal einrichtet? (Wie Sie sagen gibt es 5 radikale Islamische Prediger in Österreich.)

PS.: Sorry, aber ich bin religionsfrei und ein Gegner aller Religionen - besonders des Islam.
H. D., 1210 Wien

ANTWORT:Es gibt in Wien fünf sogenannte konfessionelle islamische Schulen. Sowie es im übrigen katholische, evangelische und jüdische Schulen gibt. Alle fünf islamische Schulen haben das Öffentlichkeitsrecht und unterrichten auf Deutsch den österreichischen Lehrplan. Die Mehrheit des dort tätigen Lehrpersonals sind nicht-Moslems. Selbstverständlich sind die Schulen für jeden zugänglich, unabhängig von Religionszugehörigkeit oder Weltanschauung. Die ältesten christlichen Gemeinden leben in den arabischen-islamischen Ländern. In Kairo auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt kommt man an mehr Kirchen als Moscheen vorbei. In Damaskus sind die Kreuze der Kirchen in der Nacht neonbeleuchtet. In Marokko ist die Bibel in den Schaufenstern der Buchhandlungen öffentlich ausgestellt. Zu christlichen Feiertagen bekommen die Angehörigen einen bezahlten Feiertag.

FRAGE:
Wie kann es sein, dass eine angeblich so friedfertige Religion wie der Islam soviele Verbrechen gegen die Menschheit begeht und zuläßt?
Matthias Buchholz, 2500 Baden

ANTWORT:Wenn Sie von so vielen Verbrechen gegen die Menschheit im Namen des Islam sprechen, kann ich Ihnen die Gegenfrage nicht ersparen. Hat es je quantitativ und qualitativ schlimmere Verletzungen der Menschenrechte gegeben als während der beiden Weltkriege – mit Einsatz chemischer und atomarer Waffen - , während des stalinistischen Terrors, im Holocaust, unter der Apartheid und bei ethnischen Säuberungen in Bosnien und im Kosovo? Keine dieser Scheußlichkeiten ereignete sich in islamisch geprägten Regionen. Wenn ich den kenianischen Sozialanthropologen Ali Masrui zitieren darf : Es gibt kein muslimisches Äquivalent zu nazistischen Vernichtungslagern, zum Völkermord im Ausmaß von Nord- und Südamerika sowie Australien, noch ein Gegenstück zu stalinistischem Terror, Pol Pots „Killing Fields“ und der Entwurzelung von Dutzenden von Millionen im Namen von Fünf-Jahres-Plänen. Auch sind die Moslems weder für Apartheid-Modelle verantwortlich, wie das von der südafrikanischen Reformierten Niederländischen Kirche gebilligte, noch für den wilden japanischen Rassismus vor 1945 oder die rassistische Kultur des alten amerikanischen Südens mit seinem Lynchen und Brutalisieren der Schwarzen. Es ist interessant und verblüffend, dass man beim Menschenrechtsdialog immer wieder feststellt, dass „westliche“ Dialogpartner glauben, die Menschenrechte nicht nur erfunden, sondern auch gepachtet zu haben.


FRAGE:Steht im Koran dezitiert, dass Frauen das Haar mit einem Kopftuch bedecken müssen?
Christa Groll, 2212 Großenzersdorf

ANTWORT:Im Koran steht dezitiert, dass man den „Chemar“ von beiden Seiten über die Brust schlagen soll. Das Chemar ist jene Kopfbedeckung, die seinerzeit üblicherweise von Frauen getragen wurde und zwar in der Form wie wir es von der Marienstatue kennen und da war das Haar bedeckt.


FRAGE:Sehr geehrter Herr Al-Rawi,
Wie können sich Islam und christliche Gesellschaften treffen, wie kann eine Fusionsgesellschaft funktionieren, wenn die Scharia gegen eine Verfassung steht. Zwar sind vielleicht viele Vorstellungen gleich, aber gerade auf dem Gebiet der Forschung dürfte es einige Kontroversen geben. Realistischerweise wird es immer Differenzen geben müssen, da Verfassungen und Gesetze umgeschrieben werden. Sie unterliegen in der abendländischen Tradition zwar gewissen ethischen Prinzipien, doch auch diese ändern sich, wie zB in der Frage der Gentechnologie. Wie also lässt sich eine Fusionsgesellschaft bilden, wenn viele Menschen islamischen Glaubens wegen ihrer Werte als "altmodisch" ausgegrenzt werden und wie kann ein Moslem die allgemeine, fast zu liberale Haltung der Europäer akzeptieren? Ist es wie in einer Ehe, bei der nur einer das Familienoberhaupt sein kann? Wird der Islam toleranter werden müssen, oder soll westl. aufgeklärte Tradition islam. Werte akzeptieren?
********; 1020 Wien

ANTWORT:Die Behauptung, dass der Islam unmodern ist und die Wissenschaft ablehnt, entspricht nicht der Wahrheit. Der Koran fordert dutzendfach dazu auf, zur Mehrung des Wissens den Verstand zu nutzen. Diese Wissensfreude, verbunden mit der grundsätzlichen Bereitschaft, seinen Verstand zu gebrauchen, war eine günstige Plattform für die erstaunliche Entfaltung der islamischen Wissenschaften ab dem späten 8. Jahrhundert. Leuchtende Beispiele wie al-Khwarismi, Vater der Algebra und des Algorithmus-Terminus, al-Razi/Rhazes (864-935) dessen medizinisches Hauptwerk Jahrhunderte der Ausbildung an europäischen Universitäten diente, der Philosoph und Arzt Ibn Sina/Avicenna (980-1037), dessen medizinische Enzyklopädie an europäischen Hochschulen noch im 19. Jahrhundert benutzt wurde, der Philosoph ibn Ruschd/Averroes (1126-1198), der als Aristoteles-Kommentator die westliche Philosophieentwicklung maßgeblich beeinflusst (und ganz nebenbei auch noch die Sonnenflecken gefunden) hat, sind hier stellvertretend für viele andere nicht genannte. Daher sollte es gerade auf dem Gebiet der Forschung und in Fragen der Gentechnologie keine Kontroversen geben. Sondern im Gegenteil in alter islamischer Tradition eine Herausforderung bilden.


FRAGE:Ist es als normal zu betrachten, wenn man auf der Strasse eine verhüllte Muslimin trifft, sich wegen der letzten Bombenserien dabei unsicher fühlt und nicht versteht, wieso diese Frau sich so kleidet? Wie soll ich es meinen Kindern – welche Christen sind - erklären?
Jenny Zimbova

ANTWORT:Verschiedene Kleidungsarten waren immer ein Ausdruck verschiedener Kulturen und religiöser Überzeugung. Indische und afrikanische Frauen fallen mit ihren farbenprächtigen Gewändern auf. Auch Tiroler Bauern kleiden sich anders als die burgenländischen. Tracht unterscheidet sich je nach Herkunft und Region selbst wenn man auf der Straße geht, sieht man, dass Jugendliche und Kids sich nach verschiedenen Stilrichtungen kleiden. Nonnen, buddhistische Mönche und katholische Priester sowie indische Sikh mit ihren Turbane fallen auf. Vielleicht könnten Sie Ihren lieben Kindern diese Vielfalt erklären und ihnen sagen, dass es auf den Menschen ankommt und nicht wie er sich kleidet. Es kommt darauf an was man im Kopf hat nicht auf das was man auf dem Kopf hat.


FRAGE:Glauben Sie, wird das ganze nicht hochgespielt? Es wäre doch leicht möglich, dass es sich bei den Attentaten auch um Einzeltäter handeln könnte, welche mit der Al Kaida nichts zu tun haben. Denn wer kannte vor dem 11.9. überhaupt Osama Bin Laden? Es wäre doch leicht möglich, dass diese ganzen Anschläge gesteuert sind, damit die USA und der Obercowboy Bush wieder einmal mehr einen Grund haben zu sagen: „Wir müssen die ‚angeblichen Schurkenstaaten’ wieder bombadieren“?
Ernst Pitlik, 1220 Wien

ANTWORT:Wenn Sie die Moscheen mit radikalen Ansichten meinen, die nur 2% ausmachen, dann gebe ich Ihnen Recht, dass die Diskussionen der letzten Woche zu viel waren. Die Anschläge in New York, Madrid, Casablanca, Istanbul und London müssen ohne wenn und aber verurteilt werden, unabhängig davon wer dahinter steckt. Ich bin kein Anhänger von Weltverschwörungstheorien und halte mich immer an Fakten.


FRAGE:Abgesehen vom islamischen Terrorismus ist der sogenannte friedliche Islam nicht nur eine Religion, sondern ein Gesellschafts-System, welches den Anspruch erhebt, das alleinige in der Welt zu sein, und es lehnt auch die Demokratie ab, weil es unverträglich ist mit allen anderen Gesellschaftssystemen. Und es ist auch nicht reformierbar und nicht kompromissfähig und nicht fähig, eine moderne Welt zu akzeptieren. Was sehen Sie zu dieser Beurteilung für einen Gegenbeweis ?
Erich Foltyn, 1090 Wien

ANTWORT:Zu dem ersten Teil Ihrer Behauptung, dass der Islam den Anspruch erhebt, das alleinige in der Welt zu sein möchte ich Ihnen mit dem Geist des Korans kontern. Der Koran hält seinen Gläubigen immer wieder vor, dass die Verschiedenheit der Menschen nach Farbe und Vermögen, Geschlecht und Sprache, eine natürliche Sache ist (Koran Sure 30 Vers 22) ; er bezeichnet sogar weltanschaulich-religiösen Pluralismus als gottgewollt. Zum zweiten Teil Ihrer Frage, wo Sie die Behauptung aufstellen, dass der Islam nicht kompromissfähig, reformierbar bzw. nicht fähig ist, eine moderne Welt zu akzeptieren, folgendes: Von den Anfangstagen des Islams entwickelte sich eine unbeschreibliche Dynamik in dieser Religion, sodass in kürzester Zeit eine Hochzivilisation von Bagdad bis Cordoba und von Damaskus bis China entstand. Auch die hellenistische Philosophie ist dank der im Bagdad des 9. Jahrhunderts entstandenen spekulativen griechisch beeinflussten Metaphysiker der Mutazila-Schule an die heutigen Zeit weitergegeben worden. Die kulturelle und wissenschaftliche Hochblüte der islamischen Zivilisation - die des abbasidischen Bagdads, und des umayadischen Cordobas, hat dank der Andalusier Ibn Ruschd (Averroes 1126-1198), der als Aristoteles-Kommentator die westliche Philosophieentwicklung maßgeblich beeinflusste und ganz nebenbei auch noch die Sonnenflecken gefunden hat, Ibn Arabi und Ibn Hazm, einen wesentlichen Einfluss auf die Scholastik, das Minnesängertum, die gotische Architektur, die Mathematik, das westliche Gesundheitswesen, ja sogar die christliche Mystik gehabt.
Nicht vergessen sollten wir andere verdienstvolle Wissenschafter: Al-Khwarismi (gest. 846) Vater der Algebra und des Algorithmus-Terminus, Al-Razi/Rhazes (846-935) dessen medizinisches Hauptwerk "Liber Almansoris" über Jahrhunderte der Ausbildung an europäischen Universitäten diente. Ibn Sina/Avicenna (980-1037) dessen medizinische Enzyklopädie noch im 19. Jahrhundert benutzt wurde, Ibn Khaldun (1332-1406), Begründer der Soziologie und quellenkritischen Geschichtsschreibung.
Also hat die muslimische Zivilisation wesentlich zu Überwindung des dünkleren Mittelalters in Europa beigetragen und selbst Thomas von Aquin hat den Averroes nur als der Kommentator bezeichnet. Durch die Übersetzung der hellenistischen Philosophie wurde schließlich die Aufklärung in Europa vorbereitet und eingeleitet. Hoffe Ihnen damit den Gegenbeweis für Ihre gestellten Fragen erbracht zu haben.


FRAGE:1.Warum werden Frauen im Islam unterdrückt und Ihrer Freitheit als Mensch beraubt? (z.B.Beschneidung)
2.Warum herrscht zwischen Moslems und Juden bzw. Christen Feindschaft, obwohl sie alle den gleichen Glaubensvater, nämlich Abraham, haben?
3. Warum passen sich Moslems nicht ihrem Zuwanderungsland an? (Sprache, Kultur, "Kopftuch",...)
4. Wie ist der islamische Auftrag zu verstehen, der auch immer wieder von Islamischen Oberhäuptern kommt: "die Ungläubigen (Christen/Juden) zu stören, zu provozieren, zu bekehren und zu vernichten"?
Thomas Tschinder, 1020 Wien

ANTWORT:Frage 1 wurde schon in diesem Forum ausreichend behandelt. Die Beschneidung ist keine islamische Angelegenheit und kommt leider in Gebieten Afrikas vor. In diesen Gegenden werden diese grausamen Unsitten von Menschen verschiedener religiöser Zugehörigkeit praktiziert. In sehr vielen muslimischen Ländern kennt man dieses Verbrechen gar nicht. Vor zwei Monaten, am 24. Juni 2005, wurde in Wien im alten AKH eine große Veranstaltung seitens der Muslime organisiert, wo der anerkannte Islamgelehrte Adnan Ibrahim ausführlich über dieses Thema referierte.

Frage 2: Zwischen Moslems, Juden und Christen herrscht keine Feindschaft. Politische Konflikte werden sehr wohl als nicht religiöser Natur identifiziert z.B. Wurde der letzte völkerrechtswidrige Angriff der USA und Großbritannien auf den Irak nicht als Kreuzzug seitens der Muslime empfunden, denn die klaren Worte des verstorbenen Papstes Johannes Paul II und die beeindruckenden Antikriegdemonstrationen in Europa waren ein klares Signal. Auch die Beziehung zwischen Juden und Muslimen waren Jahrhunderte lang entspannt. Die größten jüdischen Gemeinden in Andalusien, Arabien und im Osmanischen Reich lebten Seite an Seite mit den Muslimen friedlich zusammen. Erst der Konflikt im Nahen Osten warf seine Schatten auf diese Beziehung.

Frage 3: Die Herausforderung liegt in der Integration und nicht in der Assimilation oder Anpassung, wie Sie es nennen. Das Erlernen einer Sprache und die Feinheiten der Kultur sind ein Muss und sollten von jedem angestrebt werden. Die Beibehaltung der eigenen Werte, Religion und Kultur muss möglich und zulässig sein. So verhielten sich alle Minderheiten in großen Gesellschaften und so verhalten sich auch die christlichen Minderheiten Jahrhunderte lang in islamischen Mehrheitsgesellschaften. Denn Pluralismus und Vielfalt sollten ein Merkmal unserer Gesellschaft sein.

Frage 4: So einen Auftrag gibt es einfach nicht. Im Gegenteil, der Koran sagt in der Sure 2 Vers 256: „Es gibt keinen Zwang im Glauben“ . Würde ein Aufruf zu Zwangskonvertierung oder Vernichtung von Juden und Christen existieren, würden wir heute nicht die ältesten christlichen und jüdischen Gemeinden in islamischen Ländern treffen.


FRAGE:Warum wird Saudi Arabien als "islamisches Land" betrachtet obwohl es ein Königreich ist, was es laut Islam nicht geben soll ("Alle Menschen sind vor Gott gleich", also kein König, sondern eher eine Demokratische Verfassung ist laut Koran vorgesehen)?
Almir Ibric, 1040 Wien

ANTWORT:Sowohl Saudi Arabien als auch andere Länder, in denen mehrheitlich Muslime die Bevölkerung ausmachen, werden mit Recht als islamische Länder bezeichnet. Muss Ihnen aber Recht geben, dass sie nicht den Geist des Islam in ihrer politischen Struktur leben. Oft werden in solchen Ländern die Menschenrechte, die fehlende Demokratie und auch soziale Gerechtigkeit nicht beachtet, alles Dinge, die dem Islam widersprechen.


FRAGE:In den Letzten Jahren war ich einigen asiatischen u. südamerikanischen Ländern. In der Türkei sind Staat u. Kirche von Ata Türk getrennt und das Kopftuch tragen verboten worden, soviel ich weiss .
Mir ist aber in letzter zeit z.b. in meiner Ortschaft folgendes aufgefallen: Zuerst sind die jungen Moslems geschminkt und in kurzem Rock herumgegangen. Kaum ist ein neuer Vorbeter in unsere Ortschaft gekommen, tragen die meisten Jugendlichen auf einmal ein Kopftuch. Meine Frage: Was hat das Kopftuch in Islam zu bedeuten? Was hat das Kopftuch mit den Islamischen Glauben zu tun? Ich sehe darin eine Diskriminierung der Frau. Leben wiír nicht im einundzwanzigsten Jahrhundert?
Vielen Dank.
Johannes Lörner, 2486 Landegg

ANTWORT:Das Tragen eines Kopftuches ist ein religiöses Gebot. In anderen, hier gestellten Fragen wurde auch erklärt, wie es im Koran steht. Das Kopftuch ist nicht die causa prima des Glaubens und eine Frau ist auch ohne das Tragen eines Kopftuches Muslimin. Im übrigen ist das Bedecken des Hauptes oder der Haare keine rein muslimische Spezialität. Auch in anderen Religionen und Kulturen kommt so etwas vor. Keiner verlangt, dass Ihnen das gefallen soll oder dass Sie es für richtig oder schön halten. Was aber wir verlangen können ist, dass Sie jenen, die aus innerer Überzeugung und aus Ausdruck ihrer Religiosität das Kopftuch freiwillig tragen, den nötigen Respekt und die nötige Akzeptanz entgegenbringen. Zu dem neuen Vorbeter in ihrer Ortschaft sei nur soviel zu sagen, dass dieses Phänomen nicht nur auf Muslime zutrifft. Auch in der katholischen Kirche hängt der Zulauf zur Kirche vom jeweiligen Pfarrer stark ab. Ob ein Mensch die Bedürfnisse der Gläubigen anspricht oder ein Ohr für ihre Sorgen hat und die Interessen wahrnimmt, gepaart mit dem Bedürfnis auf ihre Spiritualität eingehen zu können, macht einen guten Vorbeter bzw. Imam aus.


FRAGE:1. War der Prophet Mohammed, der Gründer des Islam, ein Heerführer ?
2. Steht es im Koran, daß die Männer mehrere Frauen haben sollen und daß sie sich deswegen verschleiern sollen ?
3. Wie kann sich jemand irgendwo integrieren, wenn er sich ein schwarzes Tuch vor das Gesicht macht ?
Erich Foltyn, 1090 Wien

ANTWORT:zu 1:
Zuerst einmal zur Begrifflichkeit: Für Muslime ist ihr Prophet Muhammad kein Religionsstifter oder -gründer. Denn der Islam sieht sich in einer Reihe mit den vorigen Offenbarungen (z.B. an Moses oder Jesus), die den Einen Gott verkündeten.
Von Berufs wegen übte der Prophet Muhammad in seinem frühen Leben die Tätigkeit eines Hirten und später Kaufmannes aus. Nach der Zeit der Offenbarung des Koran wurde er von den Mekkanern mehrheitlich heftig angegriffen, weil seine Botschaft des Einen Gottes als geschäftsschädigend für die Pilgermetropole Mekka betrachtet wurde, wo viele heidnische Götter verehrt wurden. In dieser Zeit war es ihm verboten, die Gewalt gegen ihn mit Gewalt zu beantworten. Er ertrug geduldig die vielen Attacken gegen ihn. Die Erlaubnis zur auch bewaffneten Verteidigung (!) wurde erst mehr als zehn Jahre nach der ersten Offenbarung gegeben. Dann kam es auch zu bewaffneten Auseinandersetzungen, in denen er für die Muslime eine führende Rolle übernahm. Der Prophet Muhammad griff in dieser Situation auch auf die Erfahrung anderer Muslime zurück, die in Kriegsangelegenheiten mehr Erfahrung hatten, etwa bei der Entwicklung strategischer Konzepte (Beispiel Salman al Farisi im sogenannten Grabenkrieg).
zu 2:
Nein. Nachzulesen in der Sure 4 "Al Nisa", "Die Frauen" ist vielmehr, dass Männer am besten nur eine Frau heiraten sollen. Der Ausnahmefall einer Mehrehe wird im Zusammenhang mit der Versorgung von Witwen und Waisen genannt. Und auch da gilt das Gebot der Gerechtigkeit zwischen den Ehefrauen: Alle sollen in gleichem Maße Zuwendung erfahren und gleich behandelt werden. Dass dies eigentlich menschlich nicht möglich ist, bildet den Grund dafür, dass die Einehe absolut bevozugt wird. Übrigens: In Österreich kann sich kein Muslim auf seine Religion berufen, um etwa mehrere Frauen zu heiraten. Denn vorausgehende Argumente zeigen: Kein Muslim kann sich darauf berufen, dass er zu seiner Religionsausübung mehr als eine Frau ehelichen solle und etwa bei einem Standesbeamten eine zweite Eheschließung verlangen. Auch in der Islamischen Glaubensgemeinschaft wird bei der religiösen Eheschließung darauf geachtet, dass die Dokumente belegen, dass der Ehemann eine monogame Ehe führen wird. Die Bekleidung der Frau hat mit der Ehe überhaupt nichts zu tun. Das Kopftuch ist ein Teil der Glaubenspraxis, aber kein Zeichen für den Familienstand.
zu 3:
"Er" trägt Gesichtsschleier? Sie sprechen doch von Frauen? Die weitaus größte Mehrheit der Musliminnen trägt, wenn sie sich für eine islamische Kopfbedeckung entschließt, ein Kopftuch, das das Gesicht freihält. Aber auch dieses führt hier in Österreich mitunter zu Anfeindungen und Benachteiligung etwa bei der Jobsuche. Aber auch Musliminnen o h n e Kopftuch geben an, wegen ihrer Religion zum Teil misstrauische Fragen gestellt zu bekommen. Allgemein halte ich es trotzdem für verkürzt, die Integrationsfrage mit Äußerlichkeiten wie der Bekleidung zu verbinden. Unsere Gesellschaft ist hier sehr offen geworden - gerade in den letzten zwanzig Jahren ist das Bild von Piercing über bunte Haare und diverse Modestile, die oft als Zeichen für eine gewisse Gruppenzugehörig-keit gelten, sehr bunt geworden.


FRAGE:Warum sind Frauen im Islam nicht als gleichberechtigt angesehen?
Ist es Tatsache, dass nach islamischer Meinung Frauen keinen Zugang zum
Paradies haben? Danke für die Antwort!
Johannes Butscheck, 1220 Wien

ANTWORT:Dass Frauen keinen Zugang zum Paradies haben, höre ich zum ersten Mal. Im Gegenteil - der Prophet Mohammad sagt sinngemäß „Das Paradies liegt unter den Füßen der Mütter“. Ich möchte aber gleichzeitig die Tatsache nicht unerwähnt lassen, dass Frauen nicht nur als Mütter angesehen wurden und ihre Rolle nicht auf dies beschränkt blieb. Aischa, die Frau des Propheten, war eine hochgeachtet und angesehen Frau obwohl keine Mutter, sondern eine Gelehrte, Lehrerin und Politikerin. Und seine erste Frau Khadidja, die noch in Mekka starb, war eine sehr erfolgreiche Kauffrau die Ihrem Mann, dem Propheten, zur Seite stand. Dass die Situation der Frau in muslimischen Ländern alles andere als rosig ist, ist ein Faktum. Doch bitte ich immer zu differenzieren zwischen dem was der Islam sagt und der Frau als Rechte garantiert, und dem wie die Menschen in einer Gesellschaft mit den Frauen umgehen. Um bei Adam und Eva zu beginnen, kennt der Islam keine Erbsünde und Eva hat Adam nicht verführt. Auch genoss die Frau im arabischen Raum vor dem Islam keinerlei Rechte und war bloß als ein Objekt angesehen und wurde wie eine Ware behandelt. Der Islam gab ihr den Status eines rechtlichen Subjektes und damit alle Rechte die sie vorher nicht hatte wie z.B. das Recht auf Bildung, auf Scheidung, eigenes Vermögen und das Beibehalten ihres Namens bei Eheschließungen. Auch das Erbrecht, das im übrigen in vielen europäischen Ländern für Frauen erst im vorigen Jahrhundert eingeführt wurde, genoss die muslimische Frau dieses Erbrecht vor 1400 Jahren. Der Koran wendet sich in seiner Semantik immer an beide Geschlechter. Also das was wir heute als feministische Schreibweise kennen mit dem großen „I“ hat der Koran schon vor 1400 Jahren getan. Immer wurde penibel genau Mann und Frau ausdrücklich erwähnt und wann immer die Rede von Gläubigen, Fastenden .....etc. Männer die Rede war wurde immer das Ganze mit Frauen wiederholt. Die vierte und drittlängste Sure des Koran trägt den Namen die „Sure der Frauen“ und beschäftigt sich mit den Rechten der Frauen während den Männern im ganzen Koran keine einzige Sure gewidmet wurde. Auch wurden Frauen im Koran zu überwiegenden Teil immer positiv erwähnt wie z.B. die Königin von Saaba, die als eine weise, gerechte und friedensschaffende Frau dargestellt wird. Die größte Herausforderung der zeitgenössischen Muslime wird sein, den Frauen ihre Rechte wie der Islam sie garantiert wieder bekommen zu
lassen und alle Diskriminierungen, die heute bestehen zu beseitigen. Denn eine Erneuerung und Renaissance der muslimischen Gesellschaft kann ohne die Emanzipation und Beteiligung der muslimischen Frauen nicht gelingen.


FRAGE:Warum ist im Islam die Gewaltentrennung Kirche - Staat so schwierig? siehe Kurier-Serie,Teil 5, letzte Frage an den Imam. Ich lese aus der Antwort - Demokratie ist möglich, wenn die Kirche die Gesetze bestimmt. Dies ist mit meinem Demokratieverständnis unvereinbar noch dazu weil meines Wissens jeder Moslem die Verse des Korans(kein Gebot) selbst interpretieren muß.

Walter Pils, 1120 Wien

ANTWORT:Viele schrieben im letzten Jahr sinngemäß folgendes: „Charakteristisch für den Islam ist die Gleichsetzung von Religion, Politik und Staatlichkeit, was auch zur personellen Identität des jeweiligen weltlichen Herrschers und des geistlichen Oberhaupts führte“.
Diese Aussage wird jüngst dermaßen eintönig wiedergekäut, als handele es sich um eine unwiderlegbare Tatsache. Dabei lehrt die Geschichte anderes: Fast nie im Lauf der islamischen Geschichte lagen die weltliche Herrschaft und die geistliche Führung in Händen nur einer Person. Einzig der Prophet Muhammad während der Zeit in Medina bildet hier eine Ausnahme. Schon die beiden ersten Khalifen Abu Bakr und Omar Ibn al Khattab, die demokratisch gewählt worden sind, waren zwar politische Führer und anerkannte Geistliche zugleich. Eine absolute theologische Autorität wurde ihnen von der muslimischen Gemeinschaft jedoch nicht zugebilligt. Unterschiedliche Rechtsauffassungen bildeten den Hintergrund für lebhafte Diskussionen, was in unzähligen Berichten über „ikhtilafu as-sahaba“, Meinungsverschiedenheiten unter den Gefährten des Propheten, seinen Niederschlag gefunden hat. Dabei meldeten sich Frauen, allen voran die Tochter des Propheten Fatima, seine Gattin Aisha und viele andere nachhaltig im gesellschaftspolitischen Diskurs zu Wort. Keiner der bekanntesten Begründer von Rechtsschulen, Jaafar al-Sadiq, Malik, Abu Hanifa, Asch-Schafii und Ibn Hanbal bekleidete je ein politisches Amt.

Weitverbreitet auch das nicht hinterfragte Pauschalurteil: „Im Islam hat es nie Freiheitsbewegungen gegeben“. Schon zu Lebzeiten des Propheten war der Islam die „Freiheitsbewegung“ für Sklaven und Unterdrückte. Gerade die antirassistische Haltung in der Betonung der Gleichstellung aller Menschen war der Hauptgrund des erbitterten militärischen und wirtschaftlichen Kampfes der verschiedenen arabischen Stammesführer gegen diese Religion.

„Wollt Ihr die Menschen versklaven, nach dem sie von Ihren Müttern als frei geboren wurden“ verkündete der zweite Kalif Omar Ibn Al-Khattab, als der Sohn von Amr Ibn Al aas, der Statthalter in Ägypten, einen koptischen Bürger aus Zorn wegen dessen Sieg beim Pferderennen misshandelte. Zur Verantwortung gezogen wurde danach nicht nur der Sohn, sondern auch der Vater.
Der Gefährte des Propheten Abu Tharr Al-Ghifari wird heute von arabischen Sozialisten als „erster Sozialist des Islam” genannt. Sein unbequemes Auftreten gegen das Unrecht bereitete der damaligen Politik Kopfzerbrechen, bis er aus der Medina auswanderte und in der Wüste alleine starb.

Die Rolle der muslimischen Gelehrten und Philosophen als Wegbereiter der Renaissance wird sträflich vernachlässigt. Die Rolle von Ibn Ruschd „Averreos“ und anderen muslimischen Gelehrten und Philosophen wird in der Diskussion nicht einmal ansatzweise wahrgenommen.

Auch zeitgenössische Denker sollten für Islamkritiker allmählich ein Begriff werden. Die Schriften von Scheich Muhammad Abdu (Ägypter, gestorben 1905). Malik bin Nabi (Algerier, gestorben 1973) und auch von dem Österreicher jüdischer Abstammung Leopold Weiß, in der islamischen Welt als Muhammad Asad bekannt (gestorben 1992), können die angesprochenen Themenbereiche zwischen Orient und Okzident erläutern helfen.

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